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| Ausgabe 4 | Mai 2004 | Lies´ mal wieder! | |||||
Diskussion
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Einsichten & Aussichten
Eat that - be different!
von Oliver Jorzik > ... Seit 71 Jahren gibt es das Produkt ununterbrochen am Markt. Wussten Sie das? Der Kunde sieht ein unverändertes Geschäftsprinzip mit leichten Produktdiversifizierungen, die im Laufe einer so langen Zeit aber nicht ungewöhnlich sind. Innerhalb der kaufrelevanten Zielgruppe der Babyboomer kennt das Produkt so ziemlich jeder, obwohl niedrige Marketinganstrengungen und mangelnde Akzeptanz innerhalb der Sortimentspolitik des Lebensmittelshandels eine Steigerung der Absatzmöglichkeiten behindern. Das ist so ziemlich einzigartig. Viele Produkte der 70er werden heute mit großem Brimbamborium wiederentdeckt. Gehen Sie mal auf www.tritop.tv. Ein besonders abscheuliches Beispiel dafür, wie man zurecht verlorene Erinnerungen durch schlechtes Kopieren wieder in die Konsumentenhirne drückt. Davon abgesehen, dass es geschmacklich sowieso eine Katastrophe ist - die heutige Version dieser Form von Sirup-Ersatz zumindestens. Solche künstliche Spreizungen und Verrenkungen hatte Eszet nie nötig. In der Erinnerung meiner Generation, waren die Schnitten immer da, dezent im Hintergrund auf Verzehr wartend. Sie erkennen die Eszet-Schnitte immer noch nicht? Dann sollten Sie jetzt unbedingt weiterlesen, nicht zuletzt weil Sie als Kind von ihren Eltern sträflich vernachlässigt wurden. Szenenwechsel. Ein verregneter Nachmittag im Mai 1973. Der Sonntagsausflug mit Mammi und Daddy ist wie immer nicht ausgefallen, wir Kinder an der Heulgrenze. Vati monologisiert über die Natur, die Mutter versucht Ablenkungsmanöver zwischen Pusteblumenkränzchen und Sunkist. Die Erlösung wartet zuhause in Form einer rechteckigen 75 Gramm schweren bläulichen Pappverpackung. Darin enthalten sind 8 geriffelte Vollmilch-Plättchen auf zwei Kammern verteilt, das Plättchen jeweils 3,5 Zentimeter lang und 2,5 Zentimeter breit mit Eszet-Aufprägung. Als Kind interessiert man sich nicht für Details, aber bei näherer Betrachtung sind es gerade diese Details, die die Erinnerung an Eszet versüßen. Also, raus mit der Schnitte, ab aufs Butterbrot und der Sonntagstriss ist vergessen. So war es vor Nutella, als der Brotbelag noch knackte. Die zwei Millimeter dicken Sckoko-Zartschnittchen liegen in einem braunen Plastikeinsatz. Öffnet man die Pappschachtel stößt man unweigerlich auf eine Silberfolie, die nicht nur Frische suggeriert, sondern das Produkt tatsächlich lagerfähig macht. Die Standardgröße der Plättchen gewährleistet einen gleichbleibenden Geschmack, der nur durch die Dicke der Butterschicht variiert werden kann. Mit Weißbrot gegessen kann man natürlich auf Butter verzichten, das ist dann wie bei ungarischer Salami. Ein deutlicher Produktvorteil gegenüber heutigen Nussaufstrichen liegt in einem stets sauberen Frühstücks- oder Brotzeitmesser. Die Mutter weiß zudem, dass ihr Kind nicht mit Zucker und Fett vollgepumpt wird, sondern immer seine gleichbleibende Dosis an nützlichen Ernährungszusätzen bekommt. Zusätzlich kann man sich selbst oder die eigenen Kinder an so interessante Geschmacksvarianten wie Zartbitter heranführen. Das Geschmackseinerlei, von Nutella & Co wird damit sinnvoll durchbrochen, die Kinder entdecken die geschmackliche Vielfalt von Schokolade. Die wunderbare Welt der Amélie strahlt hell. Die Vergangenheit der Eszet-Schnitte ist ganz tief mythenbeladen. Klar, 71 Jahre zurück gerechnet bedeutet Einführungsjahr 1933. Das verheißt nichts Gutes. Aber wie das mit der geschichtlichen Dialektik so ist. Während die einen jaulen, die Eszet-Schnitte lieferte das kulturelle Hintergrundrauschen für die Nazis, sagen die Fans: "Ein Hoffnungsschimmer für alle Unterdrückten in dieser dunklen deutschen Zeit." Der Name Eszet hat nichts mit einer Verballhornung des schriftsprachlichen Eszett zu tun. Das würde auch gar keinen Sinn machen, den das Produkt verfügt über keinerlei Attribute, die es auch nur Ansatzweise in die Nähe eines scharfen S rücken lassen, es sei denn die dezente Süße im Geschmack. Der Name lässt sich einzig und allein aus dem Namen des produzierenden Unternehmens ableiten. Der Ursprung der Eszett-Schnitte liegt nicht den Produktionsabteilungen des Kölner Schoko-Multis Stollwerk, der das Produkt heute unverdientermaßen unter seinen Fittichen hat. Die renommierte schwäbische Schokoladenmanufaktur Staengel & Ziller, die 1857 in Stuttgart gegründet wurde und später ins bekanntere Untertürkheim zog, ist für den Namen verantwortlich. Staengel & Ziller - Eszet, noch Fragen? Das Unternehmen wollte sich mit Eszet an den zünftigen Schokolade-Esser wenden, der "Schokolade beißt", statt sie wie Genießer zu lutschen. Womit das Marktpotential der Eszet-Schnitten von Seiten der Macher hoffnungslos unterbewertet war, denn nicht zuletzt Schokoladenproduzenten wie Lindt zeigen, dass gerade der kleine Biss in zarteste Schokoscheibchen dauerhaft mit positiven Genusseigenschaften verbunden werden kann. Die Eszet-Schnitte ist der letzte Veweis auf dieses einstmals so stolze Unternehmen, das sich mit "Edelweis-Kakao" und "Staengel & Ziller Chocolade" seinen ewigen Platz im deutschen Geschmacks-Olymp erobern konnte. Auch hier setzen wieder Mythen und Legenden ein, wenn behauptet wird, es seien die Eszet-Schnitten gewesen, die den Untergang von Staengel & Ziller herbeigerufen haben. Denn mit etwas logischer Unterstützung muss es doch jedem klar sein, dass es das Produkt ist, das überlebt hat, nicht das Unternehmen. |
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