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Einsichten & Aussichten
„Goodbye Reagan“
Interview mit den Schweizer Filmemachern Olivier Kolb und Oliver Rihs. Von Christoph Lukas

von Christoph Lukas

„Goodbye Reagan“ ist eine Anarcho-Komödie, ein bissiger und zugleich liebevoller Film über Berliner in Geldnot, der in dreckigen Schwarz-Weiß-Bildern in sechs Episoden erzählt wird. Alle Protagonisten sind mit dem Ziel unterwegs, ihre finanziellen Nöte mit miesen Tricks oder waghalsigen Ideen zu meistern und Profit zu schlagen. Natürlich scheitern sie allesamt kläglich – und gewinnen doch. Die Macher von „Goodbye Reagan“ brechen in nahezu allen Bereichen Tabus und haben trotzdem einen hohen Anspruch: Oliver Rihs und Olivier Kolb wollten das Publikum mit diesem Film unterhalten, so wie sie selber auch gerne unterhalten werden … Christoph Lukas sprach mit den beiden Schweizer Filmemachern.

 „Goodbye Reagan“ ist ein bewusst unabhängig produzierter Film. Es gehört viel Mut dazu, ein solches Projekt selbst zu finanzieren. Was bewog euch zu dieser Entscheidung?

Oliver Rihs: Mut? Es hat uns vor allem der Spaß zu dem Projekt geführt, um wirklich mal eine Arbeit ohne Förderungsgelder machen zu können, die quasi nur von uns alleine bestimmt ist. Mal wieder so loszulegen, wie wir das damals gemacht haben, als wir den ersten Kontakt mit Film gemacht haben, nämlich unverfroren, teils vielleicht gar naiv, verspielt oder frech … der Mut ist, dass wir unser letztes Erspartes für diesen Spaß hergegeben haben.

Gab es bei euren zurückliegenden, finanzierten Arbeiten frustrierende Erlebnisse, dadurch dass ihr extrem weitgreifende Anpassungen machen musstet?

Olivier Kolb: Das war der Grund, ein solches Projekt zu wagen. Durch alle Bereiche. Von der Idee, was den Look des Films betrifft, den Geschichten, die Herangehensweise an die Head of Departments, Low Budget, ein straff organisierter Stab, der "Adolfmäßig" salutiert… - das letzte war Spaß… nicht? Ich glaube, dass man mit einer klaren Vision, die wiederum Ergänzendes offen lässt, Menschen am besten begeistert. Aber am meisten begeistert man sie, mit dem Versprechen, einmal das tun zu dürfen, wonach einem schon immer der Kragen stand. Und da gründet ein Kern unseres Projektes. Jedes Department kennt diese "greifenden Anpassungen" - diese schufen wir mit unserem Film aus der Welt.

Oliver Rihs: … da waren schon Enttäuschungen mit ausschlaggebend für diese jetzige Motivation.  Und immer diese von Grund an kommerzielle Ausrichtung. Man prostituiert seine Kreativität oft schon vor der ersten geschriebenen Zeile. Will das jemand? Wird dies der Produzent, die Förderungsanstalten, der Redakteur mögen? Ich wollte einfach mal wieder das tun, worauf alleine ich Lust habe. Mit dem Glauben, dass man so auch am ehrlichsten ein begeistertes Publikum finden kann.

Würdet ihr wieder gern auf diese freie Art weiter arbeiten, wenn ihr zukünftig die Möglichkeit dazu hättet?

Olivier Kolb: Keine Frage! Nur gälte es wieder eine ähnliche Situation herzustellen. Damit muss man einerseits umgehen können, andererseits müssten wieder Geschichten her, die viel Handlung bietet, Groteske und die Suche nach einer eigenen Form. Ganz so einfach ist das nicht;

Oliver Rihs: Ich habe das Bedürfnis, weiter Experimente eingehen zu können, heraus zu finden, wie ich am Liebsten drehe. Es gibt doch so viele andere Möglichkeiten, als mit einer fetten, vierzigköpfigen Crew in fünf, sechs Wochen Drehzeit einfach nur Szenen, dass Storyboards dafür gezeichnet und vom Produzenten abgesegnet wurden und man mehr oder weniger Fließbandarbeit macht, als wirklich einen kreativen Prozess am Drehort selber entstehen zu lassen. Das ist viel lebensnaher! Das Schöne auch an unserer Drehtaktik war, dass wir immer wieder unterschiedlich viele Pausentage in die Drehzeit legten.

Der Film hat einen erstaunlichen Cast. Wie kam dieser zustande?

Oliver Rihs: Einige der Darsteller wollte ich, noch bevor ich die Bücher geschrieben hatte. Da bestand das Risiko, dass sie dann nicht wollen oder konnten. Alle Darsteller waren von den Figuren sofort angetan - Robert Stadlober, Tom Schilling, Marc Hosemann, Jule Böwe, Bruno Cathomas, Frank Giering, Milan Peschel. Ihre nonchalante Art trägt das Projekt und wird ein Teil des Films. Eben gerade dort wäre es mit einer finanzierten Produktion fast schwieriger geworden, diese Leute zu bekommen, als ihnen einfach zu sagen: “Hey wir finden euch cool! Was haltet ihr von unserem Projekt? Bezahlen können wir euch leider nicht. Habt ihr Lust mitzumachen oder nicht?“ Ich glaube, das hat den meisten gefallen, weil viele der Schauspieler danach dürsteten, wonach es uns gedürstet hatte: nämlich einfach hemmungslos loslegen zu können. Das war auch das, was ich den Schauspielern versprochen habe, dass ich da nicht die totale Kontrolle behalte und dass ich dort ihre Persönlichkeit und Kreativität in die Figuren mit einfließen lassen möchte.

Genauso war es bei den Mitarbeitern. Bei der Ausstattung beispielsweise gab es einige Sachen, die ich mir anders vorgestellt hatte. Dann dachte ich aber: “Ich will das zulassen.“ Wenn sie schon den Geist unserer Sache mögen, will ich den ehrlich weitertragen und nicht nur den dicken Finger auf allem drauf halten. Ich wollte mich von dem Potenzial der Mitarbeiter und Schauspieler bereichern lassen und ihnen nicht nur sagen, was sie zu tun haben.

Mich interessiert das Thema Kontrolle sehr, denn bei jedem Film ist das immer ein zentrales Thema und im Grunde genommen ist jeder Filmemacher auf seine Art ein Kontrollfreak. Ich wollte dieses Thema Kontrolle etwas expandieren, es hinterfragen. Was ist Kontrolle? Wann ist sie nötig, und wann musst du die Leute ungehemmt walten lassen?

Dadurch dass ihr alles selbst finanziert habt: Gab es im Laufe der Dreharbeiten Schwierigkeiten, die euch an den Punkt gebracht haben: „o.k. - das war's, wir hören auf?“

Olivier Kolb: Dieses Gefühl hast du in fast jeder Produktion einmal. Es gibt immer wieder "Ereignisse" wo du denkst: “rien ne va plus.“ Terry Gilliams: Lost in la Mancha, lässt grüßen. Das ist der Alptraum eines jeden Filmers und seltsamerweise hatte ich ausgerechnet in unserem Projekt nicht mal im Ansatz einen solchen Gedanken.

Wenn der Dreh abzubrechen drohte oder gar unterbrochen wurde, entstanden sofort Ideen, deren Umstände in den Film zu integrieren. Wir hingen nie wirklich fest. Und doch gab es sehr viele äußere Einflüsse - z.B. von Passanten, die zufällig bei unserem Dreh zugegen waren und auf uns reagierten.

Zu einer formalen Frage. Was hat euch dazu bewogen, in schwarz-weiß zu drehen, bzw. den Film auf s/w rausbringen zu wollen?

Olivier Kolb: Als Fotograf bin ich mit schwarz-weiß groß geworden. In schwarz-weiß ist ein Charakter besser zu lesen, störende Hintergründe werden zur angenehmen Kulisse. Mein zweiter Gedanke war, dass der technische Aufwand ein einfacheres Produzieren erlaubt. Du kannst jede Lichtquelle benutzen, egal welche Farbe sie hat.

Die Idee, letztendlich die "Innen-Nacht-Bilder" mit Bauleuchten und/oder Neonröhren zu belichten, entstand, als ich zufällig einer unserer Ausstatter, Jochen Sauter, im Baumarkt dabei erwischte, für eine Szene Neonröhren zu kaufen. Wir sprachen vor der Kasse lange über Licht. Diese Gespräch bewog mich dazu, das ganze Lichtbudget der Ausstattung zu übertragen. Damals überraschte mich mein Mut. Aus jetziger Sicht ist es eine logische Entscheidung. Dazu kommt, dass ich es liebe, einen Raum in allen Achsen einzuleuchten, um danach die Gewissheit zu haben, dass ich ohne Umbauten in alle Richtungen schießen kann. Hinzu kommt, dass sich dadurch den Schauspielern viel größere Spielmöglichkeiten öffnen. 

Der Film hat einige Episoden, die gesellschaftlich nicht korrekt sind. Hatte dies damit zu tun, dass es der Spaß an der Freude, am Übertreten der Konventionen lag, solche Themen zu suchen? Denn ich weiß, dass ihr sehr viel Spaß bei der Arbeit hattet.

Olivier Kolb: Was ist gesellschaftlich nicht korrekt, nicht P.C…? Der gedachte Gedanke, eine Umsetzung oder die Wirklichkeit? Das sind doch alles Geschichten, die ich mehr oder weniger eins zu eins in Berlin erlebe. Eher noch heftiger. Hier in Kreuzberg erlebst du Tag täglich solche Geschichten, der einzige Kunstgriff passiert in der Herauskristallisierung der Groteske. Wegschauen oder weghören, ist gesellschaftlich unkorrekt … in gewissen Fällen ein Verbrechen.

Oliver Rihs: Wenn man einen Blick nach draußen wirft, stimmt das sicher. Andererseits hat der Film subversive Elemente, die mich ganz sicher gereizt haben. Ich bin schon immer vom subversiven Film fasziniert gewesen. Und ich finde, dass das ein Bereich ist, der immer mehr verdrängt wird. Gerade im Deutschen Kino ist er schon fast ganz verschwunden. Es geht mir dabei aber nicht um die Subversion als Selbstzweck, sondern darum, subversive Elemente zu nehmen und den Zuschauer bewusst herauszufordern, um ihn in seine Denkart, in seiner Wahrnehmungsart auch Bilder zu präsentieren, die er weder vom Fernsehen noch vom Kino gewohnt ist. Ihn in seiner Wahrnehmung heraus zu fordern.

Wie geht es jetzt weiter? Wann plant ihr die Fertigstellung?

Oliver Rihs: Die Fertigstellung ist geplant plus minus Ende März 2006

Und wird das Material auf Film ausbelichtet?

Olivier Kolb: Ja das muss sein. Interessant ist, dass ausgerechnet von SwissEffects von Thomas Krönke die Idee kam, den Film auf echtes s/w-Material auszubelichten, denn das hatte man schon eine ganze Weile nicht mehr gemacht! Auf jeden Fall machen wir Tests, um zu sehen, wie das aussieht. SwissEffects ist aber der richtige Partner dafür.

Last not least, wie stellt ihr euch die Auswertung vor?

Olivier Kolb: Es war von Anfang an klar, dass eine Fernsehauswertung eher schwierig wird. Ironischerweise habe ich schon Anfragen aus der Privatsenderecke, die sich sehr wohl für so etwas interessieren. Das muss man sehen. Zunächst wird eine Auswertung auf jeden Fall einmal das Kino ansteuern - dort liegt ein großes Potenzial. Ein paar Festivals würden wir wohl auch angehen. Der Film hat wirklich einen hohen Unterhaltungswert. „Goodbye Reagan“ sind wir dem Kinopublikum geradezu schuldig!


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