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| Ausgabe 12 | Dezember 2005 | Stories | |||||
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Einsichten & Aussichten
Paperback Writer
von Günter Christian Körner Paperback Writer“ ist Teil der jüngsten Novellenanthologie des mittelfränkischen Schriftstellers Günter Christian Körner („Stern von Betlehem“). Für terradigitalis.net veröffentlicht der Autor bereits Auszüge dieser Sammlung. Die dünner werdende Belaubung der Bäume verändert die Geräuschkulisse. 3 Uhr morgens ist immer noch die beste Tageszeit, um zu sein, bei Cafe und Tabak, auch wenn´s mit jeder Tasse und jeder Zigarette mehr kneift und zwickt im Kehlkopf. Die schwarze Union von schwarzem Tabak, schwarzem Cafe, schwarzer Nacht, Druckerschwärze, schwarzem Humor, wie: Lieber tot als Nichtraucher. Der Arzt meint, dass das Ende des Rauchers so qualvoll sei, dass sie alle bereuen, wenn es ans Ende geht. Klar, wenn die Qual den Genuss übertrumpft, kann man Nichtraucher sein, in der Regel tritt das sinnlos zu spät ein. Das ängstigt, aber erhöht gleichzeitig den Zigaretten-Konsum, bis die Vernunft sagt: Sei ehrlich, du willst doch gar nicht mehr... Was nicht mehr, nicht mehr rauchen oder nicht mehr leben? Die Schönheit der Natur und das Privileg, sie mit einem menschlichen Nervensystem zu erfahren, lässt Leben spüren und daran hängen. Die Zerstörung der Natur schürt auch die Selbstzerstörung. Oder beides schaukelt sich spiralförmig auf. Pacha Mama muss sich reinigen von ihren Peinigern. Und sie tut es, gegenwärtig so heftig, so offensichtlich selbst für den Blindesten, dass es eigentlich nicht einen einzigen Ignoranten mehr geben dürfte, schon gestern oder vorgestern hätte der letzte Ignorant dieses Prozesses in einen Zeugen konvertiert sein sollen. Aber da kennst du die Ignoranz schlecht, sowohl die eigene, als auch die kollektive. Doch das findet sein Ende so oder so. Oder so, oder so, oder so. Noch ist nicht raus, was zuletzt stirbt, die Hoffnung oder die Ignoranz. Harte Zeiten für harte Männer. Die Zeugen und ihr „Erwachet“! Du könntest jemandem erzählen, was deine Gedanken bewegt, wie sie sich formen, was sie formen. Du kannst es auch sein lassen und einfach nur dem inneren Dialog lauschen. Es ist ja auch gar niemand da, dem du erzählen könntest. Auch niemand, den du fragen könntest, wozu es gut sein soll, irgendjemandem irgendwas zu erzählen. In der Imagination sind sie alle da, manchmal gehst du raus damit, um zu prüfen, ob sich die Realität mit dem fiktiven inneren Dialog deckt, mit zunehmendem Alter erhöht sich die Trefferquote. Aber nie bis auf hundert Prozent. In den Fehlerquoten verbirgt sich Hoffnung, den projektiven Pessimismus zurückzuschrauben. Doch lieber einmal zu oft betrogen worden, als zu früh den Glauben an die Menschheit verloren? Christen-Masochismus? Aber es ist da, das Bedürfnis sich mitzuteilen; und die Tendenz zur Altervereinsamung, noch unklar ob unfreiwillig oder gewollt. Du kannst, wenn du willst, die Geräusche im Kopf ins Internet setzen. Und eigentlich kannst du es auch sein lassen, und die Geräusche im Kopf dort lassen, wo sie sich unterhalten. Setzt du sie ins Netz, werden die alten Freundschaften darauf reagieren, in angemessener Art und Weise, die jüngeren entweder gar nicht oder im SMS-Stil, haben zur Zeit wenig Zeit, sind müde oder krank. Einige haben keine Zeit, weil zuviel Arbeit, andere, weil sie dringend Arbeit suchen aber keine finden, davon sind manche so mit suchen beschäftigt dass sie es gar nicht bemerken werden, wenn sie schon längst fündig geworden sind. Die wollen schließlich suchen und nicht finden. Laubbäume, vom Herbst rot-gelb teilentlaubt, lassen durch den Spalt des leicht geöffneten Fensters das Singen eines entfernten Sattelzuges von der entfernten Umgehungsstraße in den Raum ganz weich vibrieren. Es ist Herbst geworden, in jeder Hinsicht. Endlichkeit im Zeit-Raum-Gefüge. 5 Uhr. Der erste Arbeiter-Zug rauscht seine Geschwindigkeit verlangsamend in den örtlichen Bahnhof ein. Stille. Bis auf das PC-Gebläse nichts, für 30 Sekunden. Die Turbinen einer Passagiermaschine am Himmel klingen nach Landeanflug auf Flughafen Nürnberg. Stille. Die Wärmedehnung vom entzündeten Brennholz lassen den Kaminofen zwischen Schamottplatten und Eisen gelegentlich ticken. Stille, angenehm. Der Text auf dem Bildschirm wird beobachtet wie vor dem Einschalten des Computers die Gedanken, ist aber nicht so anstrengungslos, verändert also die Art zu denken, das Kurzzeitgedächtnis hat Zugriff auf Vorangegangenes, was ohne texten im Nebel des unwiederbringlich Vergangenen versunken wäre - na und wenn schon? Die Fragen von Sinn und Zweck gesellen sich dazu, ein kurzes Brainstorming, wer mit dem Erhalt der sich gestaltenden Sätze wohl erbaut werden könnte - oder erbaulich reagieren. Die niedliche Büroklammer-Visage des Microsoft-Helferleins mit dem aufmerksamen Schlafzimmerblick und Federviehzwinkern wurde jetzt in die Ecke rechts unten geklickt, er macht noch einen ziemlich verpennten Eindruck, stiert verträumt vom Text weg vor sich hin, gibt sich einen Ruck, nimmt seinen Job wieder auf und kontrolliert die Schreib- und Speicheraktivitäten. Gleich fühlt man sich nicht mehr so alleine. Stille. Akustisch genauso wie vor 2 Stunden, doch jetzt zappelt was im stillen Teich. 5 Uhr 30, da klingeln Wecker in den Häusern, beginnt Frühstücksgeschirr zu klappern, die unsichtbaren Wellen des Äthers kräuseln sich, räkeln sich einem neuen Wochentag entgegen. Die Anzahl der vorbeifahrenden Autos verdoppelt sich jetzt in zehnminütigen Intervallen und die Lust, weiter zu schreiben geht flöten. Die Frage nach dem Sinn hatte sich gestellt, roch nach sinnlos verfasster und gespeicherter, gestapelter Literatur, ermüdet augenblicklich und lässt für heute den Abbruch einleiten. Eine Idee kommt hoch, bezüglich der Nutzung, dieser Paperback-Seiten. Seiten, - naja, nicht mal zwei... Lasse ich dem Internet zuviel an Aufmerksamkeit und Bedeutung zukommen, passieren Sachen, die mich dann fragen, ob es nicht doch nur eine riesige Verarschung ist. Hinter jedem Klick kann in diesem Dschungel ein Betrug oder eine Enttäuschung lauern, was natürlich mit Erwartungshaltung und Wachheit zu tun hat. Bald wird es dämmern, ich lege mich wieder hin, mit nur drei Stunden Schlaf pro 24 komme ich nicht aus. Gute Nacht Deutschland. |
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