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| Ausgabe 12 | Dezember 2005 | Stories | |||||
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Einsichten & Aussichten
Fieber: Von der Gesundheit der Krankheit und einem Wagnis
von Svea Lena Kutschke Winterzeit, Grippezeit – jedes Jahr aufs Neue versuchen wir, in den kalten Monaten viralen Infekten und fiebrigen Nächten auf vielerlei Art und Weise vorzubeugen: Sauna, Kräutertees, Obst, selbstgewählte Isolation in die heimischen Wände oder Flucht nach vorn auf die Kanaren... Dabei zeigt uns die Autorin Svea Lena Kutschke, dass Fieber durchaus notwendig sein kann. Oder bewirkt das Kranke das Gesunde? Manchmal ist es einfach notwendig, Fieber zu haben. Dringend notwendig war es mit neun Jahren, als ich am Vorabend der Matheklausur mit meiner ersten längeren Erzählung über Fips, dem Vampir, der nicht fliegen konnte, beschäftigt war. Die Heldin meines Thrillers läuft von zu Hause weg und gerät in die hungrigen Fänge eines gehandicapten Nachtfalters. Gerade als sich die Handlung so richtig zuspitzte, (die Heldin erklimmt mittels katzenartiger Gewandtheit einen Kronleuchter, Fips kann nicht fliegen und hat Hunger), betrat meine Mutter das Zimmer, mit der unschuldigen Frage auf den Lippen, ob ich denn schon genug gelernt hätte. Die aufwallende Panik setzte ich in effektive und bewährte meditative Übungen um. Das Mantra "Ich habe Fieber" begleitete mich in den Schlaf. Am Morgen wachte ich leicht verschwitzt mit wunderbaren 38,3 Grad auf. Genug, um im Bett zu bleiben. Nicht genug, um sich richtig beschissen zu fühlen. Jetzt ist mal wieder die Zeit für Fieber, komplette 18 Jahre später. Der dramatische Grund: die Sinn– und Ziellosigkeit des Lebens im Allgemeinen und die persönliche Furcht vor dem Versagen im Besonderen. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, denn vor einem Jahr schon bin ich dem Propheten begegnet. Der Prophet sitzt an unserer kleinen Universität der Kulturwissenschaften an der Schnittstelle zwischen Prüfungsamt und Student. An diese Schnittstelle begab ich mich äußerst zuversichtlich, vier gebundene Exemplare eines selbstverfassten Romans nebst poetologischen Betrachtungen vor mir hertragend. All mein zukunftsfroher Schriftstellerstolz prallte nun unvorbereitet auf des Propheten müde Worte: ach sie arme...gerade jetzt...damit winkte er meine Diplomarbeit auf das verstaubte Tischchen neben sich. Retrospektiv muss ich mir eingestehen, mit seinen resignierten Worten meinte der Prophet nicht den Abgabetermin: 12.34 mitteleuropäische Zeit, insbesondere. Er meinte eher den Stand der Dinge im Allgemeinen. Er meinte, worüber meine Zuversicht ausstrahlenden Professoren nur unzureichend hinwegtrösten konnten, dass ich mich nun mit 2000 anderen Kreativen um 15 Plätze in einer namhaften Journalisten Schulen bewerben muss, obwohl ich eigentlich doch lange genug zur Schule gegangen war. Er meinte, dass ich im verbalen Faustkampf mit 200 anderen im Ring stehe, die um die Volontariatsstelle jeder Zeitung antreten. Und er meinte, dass ich noch drei Jahre kellnern muss, um diverse Praktika zu finanzieren. Schriftstellerin? Das geht natürlich nur nebenbei! Natürlich! Und Journalistin? Genau betrachtet geht das auch nur nebenbei! Für einen Verlag schreibe ich manchmal Gutachten - nebenbei versteht sich. Ich muss gestehen, es fällt mir manchmal schwer, mein Leben nicht als Beilage zu verstehen. Manchmal, besonders wenn Schnee fällt, überkommt mich die brennende Sehnsucht, der Sohn eines Schusters um 1851 zu sein, der mit der festen Bestimmung heranwächst, das Handwerk seines Vaters zu lernen. Purer Anachronismus. Aber einer, der eine feste Bestimmung hat, läuft jedenfalls nicht Gefahr, sich aus lauter kreativer Flexibilität in einen Beilagenteller zu verstricken. Und der Hauptgang ist dann doch gebratene Leber, die hab' ich mein Leben lang schon gehasst. Aber weil Leber, obwohl sie nicht schmeckt, doch satt macht, reiche ich also dreißig Stunden die Woche freundlich lächelnd Dinge über einen Tresen. Ich kann nämlich unerhört schnell ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis entwickeln, was meinen täglichen Lebensbedarf angeht. Mit dem Verlust meines Studentendaseins hat sich bei mir ein sofortiges Verlangen nach Kranken-, Alten- und Haftpflichtversicherung eingestellt. Und solange das Schreiben meinem paranoiden Bedürfnis nicht nachkommt, gibt es wohl Leber schon zum Frühstück. Um es auf den Punkt zu bringen und die recht eklige Metapher zu verlassen: es ist schon recht schwierig, Geld zu verdienen mit dem, was man wirklich tun will. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die zwar nicht alle Möglichkeiten der Welt hatten, aber dennoch reelle Aussicht auf einen Arbeitsplatz, kann ich lernen was ich will. Vorausgesetzt, ich bin nicht so kleinlich und will mich davon ernähren. Seit einem Jahr nun werde ich von regelmäßigen Fieberperioden heimgesucht. Es bringt mir zwar keiner Kakao ans Bett, aber das Gefühl, gerade noch mal davongekommen zu sein, das setzt unerhört viel Kreativität frei. Drei Tage sitze ich brav in meinem Bett und halte die Zeit an. Betrachte so dieses und jenes. Am ersten Tag gebe ich mich getrost dem Selbstmitleid hin. Am zweiten Tag entwickele ich neue Romanideen. Spätestens nach zwei Tagen weicht das Gefühl zu versagen dem Drang, etwas ganz unerhörtes zu tun. Meinem letzten Fieberanfall entsprang der Plan nach Australien zu gehen. Mittlerweile kommuniziere ich in ausgemottetem Schulenglisch mit einer australischen Zeitung, nenne ein Flugticket mit Fensterplatz mein eigen. In Australien gibt es nämlich nicht nur größere Spinnen als in Deutschland. Es gibt auch mehr waghalsige Redakteure, die bereit sind, jemandem eine Chance zu geben, der noch keine 25 Jahre Berufserfahrung vorzuweisen hat. Außerdem gibt es in Australien keine Schneeflocken. Schneeflocken haben die Angewohnheit, meinen Bestandsaufnahmen eine unsinnige Melancholie zu verleihen. Kängurus beobachten, denke ich mir, das wird meinen Betrachtungen ungleich inspirierter und motivierter erscheinen lassen. Australien, träume ich, das wird, wie ein halbes Jahr Fieber haben. |
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