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| Ausgabe 12 | Dezember 2005 | Stories | |||||
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Einsichten & Aussichten
Geschäftsidee
von Matthias Kröner Nebenan wohnte ein alter Mann. Er war seit längerer Zeit in Rente, doch erst jetzt suchte er den Kontakt. Er trat, nachdem ich aus der Schule gekommen war und die Treppen hinauflief, aus seiner Wohnung und fragte mich, ob ich ihm bei der Umsetzung einer Geschäftsidee helfen könnte. Er lockte mit gutem Geld. Nach dem Mittagessen warf ich mich in bequeme Kleidung und klingelte. Er schlurfte mit seinen alten Schlappen über den Teppich, riss die Tür einen Spaltbreit auf, hängte die Kette aus, die wohl keinen Einbrecher zur Vernunft bekehrt hätte, und bat mich zu sich herein. Ob ich einen Kaffee oder einen schwarzen Tee wolle. Ich wollte nichts. Auch keinen Cognac und keinen Schnaps. Er stellte mir ein Glas Wasser hin. "Ich bin", sagte er, nachdem wir uns im Wohnzimmer auf seiner Couch niedergelassen hatten, "seit einem Jahr in Rente und langsam wird mir die Zeit zu lang. Sie dehnt und zieht sich wie Kautschuk. Am Anfang hatte ich viele Aufgaben. Es gab Fotoalben zu füllen, da waren Bücher, die ich niemals gelesen habe, und auch meine Wohnung benötigte eine Renovierung. Doch jetzt habe ich alles erledigt, es gibt keine Aufgaben mehr für mich, ich stehe auf einem Abstellgleis und werde nicht wieder angekoppelt. Die Zeit ist ein Folterknecht, wenn man in meinem Alter ist." Ich wusste nichts zu erwidern und verkroch mich in seinem Sessel. Ich dachte: Es wäre schön, wenn mir meine Zeit zu lang wäre, doch sie ist immer zu kurz und die Tage vergehen so schnell, dass ich nicht einmal hinterher komme. Es ist mir unmöglich, mir dieses Leben vorzustellen. Es ist soweit weg. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass ich irgendwann sterben muss. Es schien mir absurd, dass es einen Menschen gab, der quasi Zeit zu verkaufen hatte. "Du", sagte er, "kannst dich vermutlich nur ungenau in mich hineindenken, doch wenn du mir hilfst, habe ich eine neue Aufgabe und du kannst dein Taschengeld dabei aufbessern." Gegen eine Aufbesserung meines Taschengeldes hatte ich wirklich nichts. Obwohl ich schon achtzehn war, bekam ich nur 50 Euro im Monat und musste mich durch Inventuren bei Einkaufszentren über Wasser halten. Ein langweiliger Job, ein Job, der sich dehnt und zieht. Vielleicht, überlegte ich, fühlt es sich ähnlich an, wenn man in Rente ist. "Wir verkaufen den Menschen Zeit", sagte er und nickte heftig. "Das ist es doch, was sie brauchen. Und ich habe Zeit im Überfluss. Wieviel würdest du mir zum Beispiel für eine Stunde Zeit geben?" "Siehst du", entgegnete der alte Mann. "Ich kann, lass mich rechnen, vierundzwanzig minus sieben Stunden Schlaf macht siebzehn, sagen wir, problemlos zehn Stunden Zeit jeden Tag verrechnen, an manchen auch sicher zwölf. Das wären dann, wenn alle so großzügig sind wie du, und ich denke, wir finden noch viel potentere Käufer, zwischen fünfzig und siebzig Euro pro Tag. Wenn wir das einen Monat durchziehen, müssen wir bald ein Gewerbe anmelden." Ich wollte aufstehen und gehen. Doch als er wiederholt davon sprach, dass er mich benötigte, dass ich für die Buchhaltung seines Kleinunternehmens verantwortlich wäre, dass ich einen Anspruch auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld bekäme und mir jede Woche ein fester Lohn zustünde, blieb ich einfach sitzen und nippte an meinem Wasser. Seither klingeln wir an den Türen und verkaufen Zeit. Wir kommen uns vor wie die Sternsinger und haben schon unser ganzes Viertel abgeklappert. Jeden Nachmittag nach den Hausaufgaben gehe ich zu ihm herüber. Wir machen uns auf den Weg. Und längst gibt es zwischen uns eine Freundschaft, die weit über unser Geschäftsverhältnis hinausgeht. Und die Verkäufe laufen. Letzte Woche haben wir über hundert Euro verdient und einen längerfristigen Auftrag von fünfzehn Stunden angenommen, für die mein Geschäftskollege jeden Tag eine Stunde sparen muss. "Wenn wir so weitermachen", sagte er gestern zu mir und lachte, "können wir bald in Rente gehen." |
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