Ausblick

Archiv

Aktuell

Ausgabe
Autoren

Redaktion

Profil

Köpfe
Kooperationen

Werbung

Presse

Marketing
Newsletter

Impressum

Kontakt

Kommunikation
Sitemap
Ausgabe 12 | Dezember 2005 | Stories
Diskussion

Einsichten & Aussichten
Unter Fremdeinwirkung
Von den Erlebnissen eines Fahrschülers erzählt Matthias Kröner

von Matthias Kröner

Das Fremdartige begegnete mir in Form eines übel gelaunten Fahrprüfers. Es war der Tag meines dritten Anlaufs, und ich bekam das Lenkradschloss nicht heraus. Ich rüttelte wie ein Wahnsinniger dran herum und fragte (damit es nicht ganz so auffiel), ob ich denn jetzt beginnen dürfe. "No fraali foahrns lous - oder glaabm Sie, mir wolln hier Wurzln schloong?!" Er schüttelte seinen Kopf. "Gymnasiasdn!"

Die Prüfung dauerte drei Minuten. Beinahe hätte ich einen Auffahrunfall verursacht, und der Mercedes vor mir, der eigentlich tangential von mir abbiegen wollte (oder auch ich von ihm), stand waagrecht auf einer dicht befahrenen Kreuzung und zeigte Bremsspuren. Der Fahrer stieg aus und schrie. Er erinnerte mich an Kafka (wenn Kafka jemals so emotional gewesen wäre). Auch mein Lehrer war außer sich. Der Prüfer machte ein Kreuz an der falschen Stelle und zog es vor, lieber zu Fuß zu gehen. Wenige Minuten später hatte sich eine Menschenmenge um uns gebildet und blickte neugierig zu mir herein. So in etwa stelle ich mir die Hölle vor.

Auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn kam mir die Menschheit seltsam vor, komisch, irgendwie total fremd. Ich beneidete den Schaffner, der in der Prüfung gar keinen Fehler machen konnte. Oder haben Sie schon einmal zwei U-Bahnen gesehen, die tangential voneinander abbogen und die Schienen wechselten? - Mit zweistündiger Verspätung kam ich nach Hause und schämte mich für mein ganzes Leben. Ich las die Johannesapokalypse durch und schrieb Gedichte über den Untergang alles Irdischen.

Am nächsten Tag in der Schule gratulierten mir meine Freunde. "Wahnsinn, Jan! Du hast wieder einmal den Vogel abgeschossen." Sie tanzten um mich herum. "So etwas schaffst nur Du!" Dieselben Mädchen, die noch gestern mit mir ins Kino gegangen wären (sogar auf ein Festival, wenn ich nur endlich den Schein gehabt hätte!), sahen mich heute an, als wäre ich ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Als ein Lehrer kurz vor dem Unterricht an meinen Platz herantrat, um mir mit einem kräftigen Händedruck Mut zu machen, beschloss ich, dass es jetzt genug war.

Die nächsten Wochen trainierte ich wie besessen. Ich wechselte die Fahrschule und handelte einen Sonderrabatt über 50 Stunden aus. Ich führte Krisengespräche mit allen Hauptschülern, die ich über fünf Ecken vom Sehen kannte, denn soviel wusste ich: Das Können im Straßenverkehr ist indirekt proportional von der Höhe der Schulbildung abhängig! Oder anders gesagt: Ich bin dafür, das Verkehrsministerium mit einem Hauptschüler zu besetzen, denn die schaffen die Prüfung immer aufs erste Mal!

48 Stunden vor meinem vierten Startschuss befand ich mich dennoch in einer Denkschlaufe. Ich sah mich bereits in Zwangsjacke vor einer Riege von fünf Psychiatern, die Fragen zur Kupplung stellten und meine schlimmsten Kindheitserlebnisse wissen wollten. Die Zeitungen würden eine Woche vom Prüfungsmörder berichten, und wann immer ich von meinen wenigen, übrig gebliebenen Kumpels Besuch bekäme, müsste ich ständig davon erzählen, was diesmal daneben gegangen wäre … Ich musste eine akzeptable Lösung für alle finden! Verzweifelt griff ich zum Telefonbuch. Ich wählte die Nummer der Prüfungsstelle und verlangte den obersten aller Aasgeier.

"Anwaltskanzlei Gerber. Ich rufe an wegen meinem Sohn." In der folgenden halben Stunde zog ich vom Leder, wie es nicht besser ging. Ich geißelte das Verfahren an sich (wenn Dir ständig jemand im Nacken sitzt …), die Unsensibilität der Prüfer (werden die nicht geschult?) und die Schwächen der Fahrschulen im Allgemeinen (schauen Sie sich nur die Autos an!). Nach zehn Minuten hatte ich ihn soweit, dass er nur noch stammelte. Nach zwanzig Minuten entschuldigte er sich für meine Fehler.

Als ich 47 Stunden später im Auto saß, begrüßte mich ein freundlich gestimmter Prüfer. Wir unterhielten uns über das gute Wetter, und es hätte mich nicht gewundert, wenn wir eine Yoga-Übung gestartet hätten. Er setzte sich auf den Rücksitz, und es begann. In der Prüfung nahm ich einem 6-Tonner die Vorfahrt, rollte über ein Stopschild und übersah eine alte Frau auf dem Zebrastreifen. Dennoch kritzelte ich nach 25 Minuten meine Unterschrift auf eine vorläufige Fahrerlaubnis.

"Also Massder, edz hammers gschaffd! Und richdns bidde an schöner Gruß an Ihrn Vadder aus. Ä aanzicher Anruf hädd aa genügt …" Ich begriff nicht ganz, was er damit meinte und sah zu, dass ich Land gewann. Zu Hause wurde ich wie ein Kriegsheimkehrer empfangen. Meine Mutter hatte ein 5-Gänge-Menü gekocht, und mein Vater bat mich nach der Nachspeise in sein Zimmer. Er legte den Arm um mich. "Ich habe gestern bei denen angerufen. Das ist vielleicht ein Haufen Schisser. Als sie meinen Namen gehört haben, waren sie so klein mit Hut. Ich habe mich", er lachte, "einfach als Anwalt ausgegeben. Nur komisch, dass sie irgendwie so getan haben, als hätte ich schon mal angerufen …" Ich bekam einen Lachkrampf und erzählte die ganze Story. Das Fremde, dachte ich, als ich am nächsten Morgen ungläubig meinen Schein ansah, ist so lange fremd, wie man daran glaubt.


schwarz auf weiß
Foren-Betreiber haften für Einträge
Landgericht bestätigt einstweilige Verfügung ...
mehr lesen
"Offline braucht Online"
Neue Studie von A&B.face2net vorgestellt....
mehr lesen
Medienbranche im Aufwand
Neue Studie von PwC...
mehr lesen
... Alle Newsbeiträge