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| Ausgabe 11 | September 2005 | Kommunikationswege | |||||
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Einsichten & Aussichten
Eine Filmkritik von Yolanda García Hernández.
von Yolanda García Hernández Die Pariser Oberschicht. Heute. Anna Heymes (Arly Jover), die Frau eines hohen Beamten des französischen Innenministeriums, befällt immer wieder panische Angst: Sie bekommt Attacken von Wahnvorstellungen und erkennt plötzlich auch ihren eigenen Mann nicht mehr. Die klinische Diagnose weist eindeutig auf akuten Gedächtnisschwund. Heißt es. Als Anna jedoch gegen den Willen ihres Mannes auf eigene Faust herausbekommen will, wer sie wirklich ist, erkennt sie langsam die erschreckende Wahrheit. Parallel zu Annas Leiden spielt sich weit ab davon im Sentier ein ganz anderes Drama ab: Drei rothaarige Frauen wurden auf furchtbare Art qualvoll ermordet. Ist dies die Tat eines wahnsinnigen Ritualmörders? Dieser Frage stellt sich der junge Kommissar Paul Nerteaux (Jocelyn Quivrin). Er überredet den skrupellosen Ex-Bullen Schiffer (Jean Reno), welcher perfekt mit den kriminellen Strukturen dieses Viertels vertraut ist, um Hilfe. Die beiden bilden ein ungleiches Paar. Trotzdem oder gerade deswegen wird während ihrer gemeinsamen Ermittlung langsam deutlich, dass der skrupellose Killer von den "Grauen Wölfen" beauftragt wird: Die "Grauen Wölfe" stellen eine berühmt - berüchtigte Untergrund-Organisation aus der Türkei dar, die seit langem schon in den europäischen Metropolen operiert, so auch in Paris. Und sie haben es auf Anna abgesehen. Aber warum? Die Kritik: Das Thema ist alt, aber immer wieder Furcht einflößend: Eines Tages aufzuwachen und nicht zu wissen, wer man ist. Gewiss, es erinnert an Nolans Film "Memento", was Bestseller-Autor Jean Christophe Grangé hier entwickelt hat. Doch das Thema "Amnesie" ist nicht minder abgegriffen. Wie in "Memento" erschließt sich dem Zuschauer - synchron mit den ermittelnden Bullen Schiffer (Jean Reno) und Nertaux (Jocelyn Quivrin) - nur langsam das Bild, welches Anna wieder zurück gewinnt. Zwischen Paris und Istanbul, zwischen militärischer Forschung und türkischer Mafia laufen zwei scheinbar völlig unabhängige Handlungsstränge lange nebeneinander, bis sie schließlich aufeinander treffen. Das Verwirrspiel "Wer ist Wer", gepaart mit dem Zeitdruck, dem die beiden Polizisten ausgesetzt sind ("Wann schlägt der Mörder wieder zu?") verschafft dem Film eine rasante Dynamik. Regisseur Chris Nahon, der bereits mit Darsteller Jet Li in "Kiss of the Dragon" ein gutes Auge für Martial Arts und Action bewiesen hatte, ist eine ideale Wahl, um dem Film Tempo und herrlich unangemessene Situationskomik zu verleihen. Und Jean Reno? Es scheint, hier bildet sich mit Autor und dem legendären Darsteller aus "Léon - Der Profi" so etwas wie ein Dream-Team: Jean Reno interpretierte bereits eine ähnliche Paraderolle als undurchsichtiger, schlagfertiger und raubeiniger Bulle in Grangés verfilmten Roman "Die Purpurnen Flüsse". Es macht Spaß, ihn so wieder zu sehen. Einerseits. Andererseits ist man geneigt, Jean Reno auch einmal wieder in einer anderen Rolle zu sehen, denn: Er überragt alle und alles. Es ist ein Film, der um Reno herum gebaut wurde. So scheint es. Arly Jover, welche Anna spielt und bereits in "Blade" mit Wesley Snipes ein paar Sporen als Martial Arts Actreuse verdiente und Jocelyn Quivrin, der in "Lautrec" ganz anders glänzte, stehen brillant an der Seite von Jean Reno. Aber sie schaffen es nicht, ihr Potenzial in ihren Rollen ganz zu entfalten. Das liegt allerdings eher in dem dramaturgischen Bruch, den der Thriller erfährt, als Anna aus ihrer bürgerlichen Umgebung ausbricht. Denn ab diesem Punkt gibt's Speed, da ist für die Charakterentfaltung wenig Raum. Eigentlich. Dennoch könnte Chris Nahon irgendwo zwischen den aufgeschlitzten Kehlen und der siebenten Kavallerie des französischen Action - pardon (!) - Innenministeriums bestimmt inne halten und die gut aufgebauten Charaktere zu einem Bruch führen. Das geschieht leider nicht. Vielleicht ist es auch zu viel verlangt. Denn insgesamt ist das "Imperium der Wölfe" nun mal ein Action-Thriller, wo Martial Arts, Brisanz, Tempo und Spannung dominieren. Dazu ist die Geschichte, welche einerseits um die Konventionen sprengenden Anna, ihrer Amnesie und um das kriminelle Netzwerk der "Grauen Wölfe" rankt, auch sehr komplex gebaut. Für dieses Vexierspiel gebührt den Drehbuchautoren schon Lob. Immer wieder passieren überraschende Wendungen, Rollenwechsel, verfolgen Protagonisten wie Zuschauer eine falsche Fährte (bis auf Schiffer, der checkt immer alles, sagt aber nix) und so verfliegen über 2 Stunden Cinemascope in Knall und Rausch. Zentrales und für einen Autor durchaus nicht ungefährliches Thema sind die "Grauen Wölfe", einer aus der Türkei stammenden Untergrundorganisation mit pantürkischem Nationalismus und Prä-Atatürk'schem Pathos besetzten "Ehre". Ihre Machenschaften, schmutzigen Geschäfte und beinahe anachronistischen. politischen Ziele werden erstmals einem breiten Publikum vor Augen geführt. Bei der Recherche hat sich Autor Grangé viel Mühe gemacht und bewusst auf tiefere Wahrheiten über die "Wölfe" verzichtet, denn, wie bei allen Geheimdienst- und Mafiaverfilmungen ist klar, dass man es sich nicht unbedingt mit den Personen verscherzen muss, die einem Informationen und Kontakte zur Verfügung stellen. Das Gleiche sagen auch Oliver Stone ("JFK") und Martin Scorsese ("Good Fellas") immer wieder: Man schmeichelt dem Mob, so lange man seine Gefährlichkeit und seine Gesetze respektiert. Dann lassen sie einen gewähren. Dann muss man ihre Kriminalität auch nicht preisen. In dieser Kompromissmenge ist sicherlich auch "Das Imperium der Wölfe" angesiedelt. Gerade weil aber der Schluss so fulminant und rasant endet, fehlt dem Film die so nötige würdige Tiefe, die anfangs so gut anskizziert wurde. Als Schulnote würde ich dem düsteren Thriller eine Note irgendwo zwischen "Gut" und "Befriedigend" verleihen. Je nachdem, ob man sich mit dem Ende arrangiert oder nicht.
Daten zum Film: Titel: "Das Imperium der Wölfe" / "L'Empire Des Loups" Jean -Louis Schiffer: Jean Reno |
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