Services! Visit:
terradigitalis.net

<< Zurück zur Übersicht


Willkommen auf terradigitalis.
Ihren gewünschten Artikel finden Sie hier:

Aktham Suliman terradigitalis.net - Interview zur Situation im Nahen Osten nach dem Irak-Krieg mit Aktham Suliman, Deutschlandkorrespondent von Al Jazeera TV



Weitere Suchwörter:
Al Arabiya | Al Jazeera | Aktham Suliman | Suliman | Sender | TV-Sender | Israel | Palästinenser | Bush | Rumsfeld | Powell | Minister | Irak | Hussein | Saddam | Regime | Irak-Krieg | Berlin | Deutschland | Fernsehsender |

Aktham Suliman terradigitalis.net - Interview zur Situation im Nahen Osten nach dem Irak-Krieg mit Aktham Suliman, Deutschlandkorrespondent von Al Jazeera TV


<h1Aktham Suliman style="WIDTH: 117px; HEIGHT: 144px" height=125 alt="" src="/images/upload/mag/4/portrait-aktham.jpg" width=100 border=0>

Der gebürtige Syrer

Aktham Suliman

zog 1989 von Damaskus an die Spree, um Publizistik, Politologie und Islamwissenschaften zu studieren. Seitdem lebt er in Berlin. Anfangs arbeitete er für die Deutsche Welle, bis er vor eineinhalb Jahren als Deutschlandkorrespondent zu Al Jazeera wechselte. Seit Anfang 2002 unterhält Al Jazeera TV unter seiner Leitung ein Berliner Büro. Nach dem 11. September wurde der Journalist selbst zum gefragten Experten in den deutschsprachigen Medien, quasi als Übersetzer zwischen Okzident und Orient. Unmittelbar vor Beginn des letzten Irak-Krieges fand Suliman in Deutschland beinahe so wenig Schlaf, wie seine Kollegen am Persischen Golf.

"Tagsüber die intensive Arbeit für Al Jazeera, abends die Diskussionsrunden in anderen Sendern, nachts noch die Recherche für den nächsten Tag...man befand sich inmitten eines Informationskarussells." Wir  trafen

Aktham Suliman

an einem selten ruhigen Vormittag im Berliner Büro zu einem Gespräch über die Arbeit Al Jazeeras und die Nachkriegs-Situation im Irak.

Wie kam es zur Entscheidung, ein ständiges Büro in Deutschland zu eröffnen?
Dies lag eindeutig an der wachsenden Bedeutung Berlins in der Weltpolitik. Erst der Vereinigungsprozess, dann der Regierungsumzug. Dazu liegen benachbarte Hauptstädte wie Warschau, Prag, Budapest nicht weit weg und werden durch unser Büro mit abgedeckt. Im März besuchten wir beispielsweise das Trainingscamp irakischer Oppositioneller in Ungarn. Unsere Korrespondenten sind nicht nur für einen Ort zuständig, sondern für die Nachrichten und ziehen weiter und weiter, bis sie an die Quelle kommen - wie die Beduinen (lacht).

Können Ihre Reporter durch die gemeinsame arabische Sprache mehr Informationen im Irak beziehen als Kollegen anderer Sender?
Ja, ganz eindeutig. Wir kennen dazu die Mentalität, die Gebräuche, die Kultur, besitzen auch eine geografische Nähe, was zu leichterer Interaktion zwischen Hauptredaktion und Korrespondenten führt und können viel mehr in die Tiefe gehen. Das ist ein Vorteil.

Was die Exklusivbilder von der Front im Irak wie in Afghanistan betrifft, ist Al Jazeera TV oft im Vorteil gegenüber großen Sendern wie CNN oder BBC, denen sie die Beiträge verkaufen. Wie gelangen Sie stets an die vorderste Front?
Ein Nachrichtensender, der außer Bilderverkauf und Werbung kaum Einnahmequellen hat, muss natürlich auf anständige und gehaltvolle Nachrichten und Bildqualität achten. Wann immer ein Land langfristig wichtig zu werden schien, haben wir dort unser Personal aufgestockt. Die lange aufgebauten Kenntnisse vor Ort sind uns dann nützlich, sobald sich die Nachrichtenlage ändert und ein Land in den Focus rückt. Beispiel Afghanistan: Vor den Anschlägen in den USA waren nur CNN und AL Jazeera als Sender dort vertreten. Keiner konnte die Ereignisse des 11. September vorausahnen. Doch wer etwas nachdachte, wusste, dass das Taliban-Regime einen Konfliktherd darstellte. Im Irak haben wir lange vor Kriegsausbruch unser Personal nach und nach aufgestockt. Derzeit sind wir der einzige ständig in China vertretene arabische Nachrichtensender.

Al Jazeera gilt als unbequem, trotz oder wegen seiner Objektivität. Gleichwohl warfen Ihnen während des Irak-Krieges einige Politiker Verstöße gegen die "Moral der Berichterstattung", ja sogar Parteinahme vor. Wie begegnen Sie diesem Urteil?
Zunächst einmal verbuchen wir diese Äußerung zu den anderen Vorurteilen, mit denen wir konfrontiert werden. Antiarabisch, islamistisch, antiwestlich, proamerikanisch, zionistisch, antiisraelisch - ja, und nun wurden uns Verletzungen der Genfer Konventionen vorgeworfen. Es ist interessant, wenn ein Kriegsbeteiligter wie der US-Verteidigungsminister von "Ethik" spricht. Generell zeigen solche Äußerungen, dass unser Sender eine größere Bedeutung erlangt hat. Denn sonst würden sich nicht so viele Entscheidungsträger zu solchen Urteilen hinreißen lassen. Ein Reporter legt den Finger auf die Wunde, das ist vielleicht unbequem. Doch er verursacht nicht die Wunde. Und jetzt vor kurzem der Tod der beiden Saddam-Söhne: Während sich in den meisten Medien die Frage diskutiert wurde, ob und wie man die Toten zeigen könne, überlegten wir uns, ob eine selbsternannte zivilisierte Ordnungsmacht Mörder ermorden darf.

Aktham Suliman terradigitalis.net - Interview zur Situation im Nahen Osten nach dem Irak-Krieg mit Aktham Suliman, Deutschlandkorrespondent von Al Jazeera TV


Wie weit versuchten sowohl die ehemalige irakische als auch die amerikanische Regierung Ihren Sender zu beeinflussen?
Konfliktparteien konkurrieren um die Macht der Bilder. Ob in unserem Programm zuerst der irakische Verteidigungsminister sprach oder der US-Generalstabschef, stets fühlte sich eine Seite benachteiligt, besonders in einem Krieg. Da wir ein großes Publikum ansprechen und immer alle gegensätzlichen Standpunkte zeigen möchten, bemühte sich sowohl irakisches als auch amerikanisches Militär darum, Bildauswahl und Wortwahl zu ihren Gunsten zu formen. Wir werden in der Regel eher mit Informationen, unabhängig von ihrem Gehaltswert, beliefert als davon abgeschnitten.

Beeinflusst die Berichterstattung Al Jazeeras die Medienlandschaft der arabischen bzw. islamischen Welt?
Al Jazeera hat schon beeinflusst. Und zwar nachhaltig. Nachdem sich unser Format in der arabischsprachigen Medienwelt durchgesetzt hatte, zogen private TV-Sender wie jüngst Al-Arabiya aus Dubai nach. Sogar die staatlichen Sender haben sich bewegt. Nach und nach zeigen sie auch andere Meinungen als die lhrer Regierungen, bringen bessere Bildqualität und Programmvielfalt. Al Jazeera hat gezeigt, dass sich Qualitäts-TV und günstiges Produzieren nicht ausschließen. Ägyptens Präsident Mubarak rief einmal sichtlich erstaunt, als er die relativ übersichtliche Produktionsetage in Doha besichtigte: "Was, aus dieser Streichholzschachtel kommt so viel Ärger?" Technik ist nicht alles. Richtig ist, dass es schon beachtlich ist, wie sehr sich die arabischsprachige Fernsehlandschaft seit Mitte der Neunziger Jahre entwickelt hat.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Iraks und seiner Bevölkerung aus?
Das ist noch sehr spekulativ. Ich denke, die Militär-Präsenz der USA wird länger andauern. Hier werden neue Probleme geschaffen, trotz Saddams Entmachtung, denn die Menschen begreifen die alliierten Streitkräfte als Invasoren, als Besatzungsmacht. Die USA setzten erst Pentagon-Mann Jay Garner an die Spitze des irakischen Wiederaufbaus, dann den Diplomaten Paul Bremer. Das Volk tobt erzürnt auf der Strasse, US-Soldaten werden im Hinterhalt umgebracht, die Ordnungsmacht reagiert mit Gewehrfeuer und trifft Unbewaffnete. Kein guter Anfang. Wieder einmal wird von außen bestimmt, was die Iraker zu tun und zu lassen haben. Die irakische Bevölkerung ist bereits sehr marginalisiert, erfährt seit Jahrhunderten einen hohen Druck von außen (osmanische und britische Kolonialzeit, D.K.) und konnte sich kaum selbstständig entfalten. Die Diktatur hat geendet. Doch kein Politiker hat bisher eine ausgewogene Nachkriegsordnung vorgelegt, geschweige denn über die langfristige Entwicklung des Irak gesprochen. Wer auch immer das Land in absehbarer Zukunft  regieren wird: Das zerrissene Vertrauen  der Bevölkerung wird, wie wir täglich sehen, nicht so leicht zu gewinnen sein.

Das Medienecho hat nach der Eroberung Bagdads nachgelassen. Was berichten ihre Reporter vom alltäglichen Leben, von den Menschen und ihren Herausforderungen?
Das ist der Unterschied zu anderen Medien. Wir bleiben dabei, den Irak als eines unserer Schwerpunkt-Themen zu fokussieren. Denn nach dem Ende der Militäroperationen geht die neue Geschichte des Landes ja jetzt erst richtig los. Wir senden weiter live aus dem Irak, zeigen beispielsweise Diskussionsrunden und Debatten mit irakischen Politikern, Intellektuellen, Geistigen und  Stammesführern. Die Entwicklung des Iraks ist für die arabische Welt enorm wichtig und der Diskurs über dessen Neuorientierung allgegenwärtig. Wir produzieren eine Sendung, die sich speziell mit dem Hintergrund der jüngeren Geschichte beschäftigt, wir senden eine weitere Reportage, die die aktuelle Alltagssituation im Irak analysiert und beispielsweise vom Schwarzmarkt in Bagdad oder dem Trophäengeschäft von Hussein-Requisiten wie Statuen, Parteiabzeichen und dergleichen mehr berichtet.

Al Jazeera hat sich entschieden, nach dem Ende der Kampfhandlungen noch genauer, noch intensiver, noch präsenter vom und im Irak zu berichten. "Wer wurde verhaftet und warum? Was denkt die Bevölkerung? Was ist mit dem Ölhandel? Wie zeigt sich das Leben auf der Straße?" Der Krieg ist vorbei, die meisten Medien ziehen ab - wir bleiben.

Wie äußert sich die Stimmung in der irakischen Bevölkerung nach dem Sturz Saddam Husseins? Können Sie trotz der vielen unterschiedlichen Positionen einen Querschnitt der öffentlichen Meinung wiedergeben?
Die Situation ist zu komplex, um die gesamte Meinung der irakischen Öffentlichkeit in einem Wort zu transportieren. Auf der einen Seite werden die Truppen der Briten und Amerikaner eindeutig als Besatzungsmacht, als fremde Armee empfunden. Auf der anderen Seite herrscht Freude darüber, dass Saddam und sein Regime hinfort sind, das muss man auch ganz klar sagen. Die Erleichterung, die Angst der Diktatur abgeschüttelt zu haben, ist groß. Doch die Iraker folgen in der Betrachtung der Summe der Ereignisse einem Gesamt-Diskurs: Die Freude über das Ende der Diktatur bedeutet nicht, dass die USA alles tun und lassen dürfen, was Ihnen gefällt. Dieser Preis wäre ihnen zu hoch. Die Iraker wollen, dass die Besatzungsarmeen das Land verlassen.

Die Unsicherheit darüber, wie die USA voran gehen werden und wie das Land gesteuert wird, durchsetzt die Aufbruchsstimmung. Bis jetzt wurden keine markanten ABC-Waffenbestände gefunden, trotz intensiver Suche. Russlands Präsident Wladimir Putin stellte Tony Blair öffentlich die Frage, wohin denn nun Saddam und sein Waffenarsenal entschwunden seien und verband dies mit der notwendigen Frage nach der Legitimationsgrundlage dieses Krieges.

Wir haben ein Land mit 25 Millionen Einwohnern, das immer noch nicht weiß, wohin es sich entwickelt. Wie sieht es tatsächlich aus mit freien Wahlen? Wo steht das Land in zwei oder vier Jahren? Was passiert mit der Ölförderung? Wieso dauert es so lange, bis die Grundversorgung wieder hergestellt ist, obwohl die Ölfelder sofort gesichert wurden? Wohin verschwanden all die geraubten Kunstschätze? Wer bestimmt die Zivilverwaltung? Viele Fragen, die eines signalisieren: Ratlosigkeit. Analog dazu äußern sich die Exil-Iraker, beispielsweise in Deutschland. Es herrscht eine allgemeine Erleichterung über das Ende des Regimes, dessen grausame Diktatur auch nie zur Debatte stand. Doch alle fragen sich: Lohnt sich eine Rückkehr?

US-Präsident Bush verglich in seiner Siegesansprache die Situation des neuen Irak mit der Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg: Bald schon würden die Iraker die engsten Freunde der USA in der arabischen Welt werden, so seine Prognose. Wird er  Recht behalten?
Nein, ich vermute nicht. Die Iraker wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und möchten die USA so bald wie möglich wieder nach Hause bitten.  Daran ändert auch die Freude über Saddams Ende nichts.  Dieser Vergleich Deutschland - Irak ist mehr als fraglich, auch wenn beide Länder von diktatorischen Regimes geführt und von den USA besiegt wurden. Alleine der historische Kontext ist unterschiedlich: Deutschland ist mehrheitlich ein christlich geprägtes, europäisches Land, der Irak ein arabisches, mehrheitlich islamisches Land im Nahen Osten. Alphabet, Gebräuche, Alltag -  alles ist unterschiedlich in beiden Ländern.

Die USA haben trotz ihrer Rolle als damaliger Kriegsgegner viel mehr Gemeinsamkeiten mit den Deutschen als mit den Irakern. Dazu war die Rolle Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg eine ganz andere: Sowohl der Osten als auch der Westen wurden sofort in ihr jeweiliges politisch-wirtschaftliches System integriert. Deutschland, zumindest der Westen, profitierte von seiner demokratischen Umgebung, nicht umgekehrt, wie jetzt im Irak, der nun ein westlich-demokratisches Wertesystem in die gesamte Region ausstrahlen soll. Ein besetztes Land, das sowohl Regierungen als auch Bevölkerung der Nachbarländer signalisiert: "Hier geht's lang". Das verursacht dieselbe Angst, die Deutschland kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges bei seinen Nachbarn weckte: Inmitten einer Weltregion werden Tatsachen durch Militär geschaffen.

Aktham Suliman terradigitalis.net - Interview zur Situation im Nahen Osten nach dem Irak-Krieg mit Aktham Suliman, Deutschlandkorrespondent von Al Jazeera TV


Das Horrorszenario der Häuserkämpfe blieb zum Glück für die Bewohner Bagdads aus. Gibt es Hinweise zu einem Geheimabkommen zwischen Alliierten und irakischer Führung hinsichtlich des überraschend schnellen Falls der irakischen Hauptstadt?
Da gibt es in der Tat zwei Erklärungsansätze, die in den Medien diskutiert werden. Entweder haben die USA mit Saddam einen Deal gemacht und ihm signalisiert: "Das Spiel ist zu Ende. Beenden wir sinnloses Töten." Oder aber sie haben ihn umgangen und sich direkt an seine Militärführung gewendet und erklärt, dass das Kriegsziel nicht die Zerstörung des Iraks sei, sondern die Entmachtung von Saddam Hussein und seiner Familie. Was auch immer zutreffen mag - dass da etwas gelaufen ist, bezweifelt kaum jemand, der diesen Krieg verfolgt hat.

Zuerst werden die Alliierten, besonders bei der Eroberung des Bagdader Flughafens, in schwere Kämpfe verwickelt und plötzlich löst sich die gesamte irakische Armee auf, Offiziere verschwinden, Soldaten desertieren in Scharen und die Millionenstadt Bagdad fällt binnen weniger Tage. Während der Flughafen umkämpft wurde, landete dort eine US-Maschine. Kurz nach Ende der Kampfhandlungen flog dort diese wieder davon. Wurden ranghohe irakische Militärs zur Kapitulation bewegt und zu ihrem eigenen Schutz, zum Erstellen einer neuen Identität aus Bagdad  ausgeflogen? Die Flughafenereignisse unterstützen diesen zweiten Ansatz.

Unterstützend für den ersten Ansatz dagegen ist das Verschwinden Saddams: Wer weiß, wo sich Saddam befindet oder ob er noch lebt? Er kann weder nach Iran, Syrien oder in die Türkei entkommen. Niemand gewährt ihm Asyl, doch hat ihn keiner gesehen. Das ist schon eigenartig. Dazu ist es militärisch nicht zu erklären, dass eine Millionenstadt wie Bagdad derart schnell besetzt wird, ja quasi im Spaziergang eingenommen wird. Denn der größte Trumpf der irakischen Militärs wäre ein lange zehrender und zermürbender Häuserkampf gewesen, in welchen sie die alliierten Soldaten verwickelt hätten. Militärexperten haben sich die Bilder vom Einmarsch der alliierten Truppen angesehen und erklärt, dass sie Art und Weise, wie die Kanonen der Panzer aufgerichtet waren, nämlich nach innen und nach hinten gewandt, darlegte, dass keine ernsten Kampfhandlungen der Verteidiger mehr zu erwarten waren. Ein Abkommen ist mit Sicherheit zustande gekommen. Die Fragen lauten nur, wann, wie und mit wem.

US-Verteidigungsminister Rumsfeld flog nach Kriegsende frohgelaunt nach Bagdad, sein Kabinettskollege im Außenamt Powell flog kurz darauf schlechtgelaunt nach Damaskus: Welchem Druck seitens der USA ist die syrische Regierung ausgesetzt?
Colin Powell hat ganz klar formuliert, was die USA von Syriens Präsident Assad fordern: Unter anderem die  Schließung der Büros palästinensischer Organisationen, Entwaffnung der Hisbollah-Milizen im Südlibanon, Rückkehr der libanesischen Armee in den Süden, Verweigerung des Asyls für von den USA als gefährlich betrachtete Personen. Der Besuch von Powell war einmal mehr der Versuch, den Forderungen der USA mächtig Nachdruck zu verleihen. Die syrische Regierung hat dem, was die Amerikaner verlangen, eigentlich nichts entgegenzusetzen. Syrien ist ohnehin ein kleines Land, hat niemals die Militär- oder Wirtschaftskraft eines Irak besessen. Nun sind die USA als Supermacht sogar nebenan. Ein neuer Mitspieler am Tisch, der aber die Spielregeln bestimmt, an denen sich alle zu halten haben.

Ich denke, Assad wird Bush entgegen kommen müssen. Die syrische Regierung wird allerdings einige der Forderungen selbst bei bestem Willen kaum umsetzen können. Beispielsweise die Entmachtung der Hisbollah-Milizen. Sie wird daher die US-Administration drängen, einen Kompromiss für alle Seiten zu erarbeiten, der auch in die neue 'Road Map of Peace' integriert werden könnte. Assad muss nach innen und nach außen die Zeit überbrücken. Und die Zeit erlaubt keine Fehler.

Sie sagen, die Zeit erlaubt keine Fehler. Wie weit kann Präsident Assad nachgeben, ohne sich den Zorn seiner Regierung oder gar seines Volkes aufzuladen?
Als Baschar Al-Assad nach dem Tode seines Vaters Hafis an die Macht kam, hatte er zunächst eine sehr bedachte und berechnende Politik der Öffnung gestartet. Diese Politik geriet später ins Stocken, und man spricht in Syrien bereits wieder von der 'alten Garde', die das Regierungszepter in der Hand hält. Jetzt stellt sich die Frage, ob und wie Baschar mit der systematischen Öffnung des Landes weiter fährt, was natürlich wünschenswert wäre, ohne jedoch nach außen den Eindruck zu vermitteln, dass er so nur aufgrund des Willens der USA handele. Das wäre völlig kontraproduktiv. Das Schneiden alter Zöpfe erfordert behutsames Vorgehen. Aber: Mehr Öffnung nach innen, im Sinne von mehr Freiheiten, wird es so oder so geben. Das wollen sowohl Assad als auch die Bevölkerung, die ohnehin von einem offenen und freiheitsliebenden Charakter geprägt ist.

Wäre ein Angriff der USA auf Syrien also nicht zu befürchten?
Nein, davon gehen sowohl Medien als auch politisch Beteiligte nicht mehr aus. Zunächst hatte man gerade in Syrien Angst vor weiterem militärischen Erfolgshunger der USA. Doch die Machtdemonstration im Irak verlief so eindeutig, dass...

…die Politik der Finnlandisierung…
verstanden wird, genau. Außerdem sind beide Länder trotz historischer Gemeinsamkeiten völlig unterschiedlich. Syrien besitzt kein Öl, ist komplett von Partnern der USA umkreist, ist finanzschwach und mit einer Regierung versehen, die weit rationaler, pragmatischer und Kompromiss orientierter handelt, als die ehemalige Junta im Irak. Zusätzlich ist Syrien politisch nicht so isoliert wie der Irak es zum Schluss war, genießt Respekt in der arabischen Welt im Gegensatz zu Saddams Irak und ist derzeit Mitglied im UNO-Sicherheitsrat. Militärisch gesehen wäre Syrien bestimmt ein leichtes Opfer, das macht es politisch umso stärker.

Ist mit der militärischen Präsenz von Briten und Amerikanern ein Druckmittel im Nahen Osten entstanden, um endlich den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern zu forcieren?
Auch das glaube ich kaum. Zumindest, wenn wir von wirklichem Frieden sprechen wollen, der auch in den Herzen der Menschen und nicht nur in den Vertragsentwürfen von Politikern seinen Platz finden soll. Die Region braucht nicht noch mehr Militär. Es ist ohnehin schon eine solche Militärmaschinerie im Nahen Osten aufgefahren. Gewalt hat bis jetzt nur weitere Gewalt verursacht. Was die Menschen im Nahen Osten brauchen, ist ein tatsächlicher Friede, der sich von innen heraus entwickelt. Tatsächlicher Friede kann nur auf Vertrauen aufbauen und wird sich selbst bei positiv verlaufenden Verhandlungen nur langsam entwickeln können. Auf keinen Fall wird man einen dauerhaften Frieden erreichen, wenn jemand, egal wer, fordert "Unterschreib!". Beide Seiten brauchen anstelle von Waffen viel mehr gegenseitige Akzeptanz, Respekt und Pragmatismus. Die psychologischen Barrieren müssen überwunden werden. Nur in der Mitte kann man sich treffen.

Der Palästinenserstaat ist eine von allen Seiten beschlossene und akzeptierte Sache, die Frage geht nur um das 'Wie'. Aber wie auch immer: Die Palästinenser wollen endlich genau so leben, wie die Araber in anderen Staaten auch. Sie wollen studieren, arbeiten, reisen und endlich in die Staatengemeinschaft integriert werden. Die Israelis wollen ohne Angst leben. Eigentlich wollen alle dasselbe. Respektive Friedensvertrag: Wichtig ist vor allem das Gefühl, berücksichtigt zu werden, zu erfahren "ich bin da", ich werde nicht ignoriert. Das ist das eigentliche Wesen eines wie auch immer lautenden Vertrages, der die formelle Basis eines gemeinsamen Zieles bilden sollte: Den Willen zum Frieden.

Herr Suliman, wir bedanken uns für das ausführliche Gespräch.

Nachtrag: Herr

Aktham Suliman

berichtet zur Zeit aus dem Bagdader Studio von Al Jazeera TV. Seine Rückkehr nach Berlin ist für Ende Januar 2004 geplant. Sofern möglich, wird terradigitalis.net Herrn Suliman zur aktuellen Situation im Irak fragen.

Lesen Sie auch:

Basics: Wer ist Al Jazeera?
Hintergrund: Das Ohr sieht besser, denn das Auge ist taub!
Entwicklung: CNN ist o.k., aber können wir das nicht selbst?
Ausblick: Die "neuen" Al Jazeera
Linkliste