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Foto: Marcela H. Polgar. (www.grafika-services.de)

Mister Craven, Willkommen in Berlin und danke für ihren Film, der einen sozusagen an die Gurte presst - Fliegen Sie eigentlich ungern?

Danke. Ob ich ungern fliege: Nun, sagen wir, es gibt Dinge, die keiner beim Fliegen mag: Enge Sitze, die Nähe zu Leuten, die man normalerweise nicht so eng an sich heranlassen würde, die Irritation des Biorhythmus, wenn man durch verschiedene Zeitzonen fliegt, Turbulenzen - all das sind, von en üblichen Ängsten des Fliegens mal abgesehen -, Faktoren, die jeden Passagier nerven müssen, glaube ich. Mit diesen Faktoren habe ich in "Red Eye" gespielt. Denn jeder, der schon einmal eine längere Strecke geflogen ist, kennt das gut. Ich fliege nicht unbedingt gern, aber es ist immer noch besser, als im Stau zu stecken.

Als Zuschauer fühlt man sich etwas an die Verfilmung von Arthur Hailey's "

Airport

" erinnert.
Ja, nun, da "

Airport

" einer der ersten großen Spielfilme war, der das unglückliche Geschehen auf einem Langstreckenflug innerhalb des Flugzeuges zeigt, sind die Bilder dieses Filmes natürlich immer zuerst im Kopf. Das ist in etwa so, wie jeder Haifisch, der nun in einem Spielfilm eine Rolle spielt, stets mit Steven Spielbergs "Jaws" (Der weiße Hai) verglichen wird. Aber den Vergleich ziehe ich gerne: "

Airport

" ist an Spannung kaum zu überbieten.

Vor allem, weil bestimmte Elemente des Thrillers wie auch des Horrorfilmes ähnlich sind: Bedrohliche Situationen, etwa der "Killer neben mir" wirken in engen, geschlossenen Räumen ungleich massiver, als auf offenem Feld. Der Messermörder im eigenen Haus lässt Zuschauer wie Opfer immer fragen, hinter welcher Tür er sich versteckt. Kann Horror auch anders erzählt werden?

Das hängt davon ab, wie Sie Horror definieren wollen: Ein Kriegsfilm kann auf offenem Gelände, im Dschungel oder auf hoher See spielen: Eine ausweglose Situation ist eine ausweglose Situation. Und ausweglos ist sie stets, wenn wir nicht Herr unserer Lage sind, egal, ob Sie auf hoher See in einen Taifun rasen oder mitten im Dschungel einem Tiger begegnen oder eben unbewaffnet vor einem Serienkiller stehen. Im Grunde sind wir selten Herr der Lage. Nur: Durch die Reduktion einer Filmszene auf das Unausweichliche wird einem dieses erst bewusst. In Ihrer Frage spielen sie eher auf das Thema Spannung an: Spannung existiert nicht nur im Horrorfilm. Nein. Spannung ist essentiell, auch im Liebesfilm: Heiratet der Prinz am Ende seine Prinzessin oder nicht? Spannung wird nicht durch das Genre und damit den Genre typischen Elementen erzeugt, sondern durch die Geschichte. Und die Darsteller, welche die Geschichte transportieren, sind wahnsinnig wichtig.

Da ist Ihnen mit Rachel McAdams, die die junge Hoteldirektorin Lisa Reisert spielt und Ihrem Antagonisten, dem Auftragskiller Jackson Rippner, welcher von Cillian Murphy dargestellt wird, hervorragend gelungen: Es scheint, als spielten die beiden seit Jahren zusammen - ist dem so?

Nein, ganz und gar nicht und ich bin auch überglücklich, dass Rachel und Cillian so wunderbar harmoniert haben: Es sind sehr dominante Rollen in "Red Eye". Beide sind auf engstem Raum zusammen, und sie kommunizieren ständig, wobei sie genau darauf achten müssen, was der andere sagt. Der Film wäre so nicht möglich gewesen, hätten die beiden nicht ideal miteinander gespielt. Eine ideale Besetzung, wirklich!

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Ja, und genau wegen der idealen Besetzung ist es eigentlich schade, dass der Film so abrupt in eine andere Richtung wechselt, als sich Lisa bewusst wird, das WIRKLICH ein Killer neben ihr sitzt, ja, dass das Leben ihres Vaters WIRKLICH in Gefahr ist. Jackson, der Killer, der natürlich Rippner heißen muss, ist genauso höflich wie Lisa, genauso eloquent, charmant und vor allem vorausschauend wie Lisa. An einer Stelle finden sie heraus, dass sie beide "beruflich mit den Schwächen der Menschen" umgehen müssen und daher schwer aus der Ruhe zu bringen sind, ja verständnisvoll mit ihrer Umwelt umgehen. Hätten Sie sich nicht gewünscht, dass die unterschwellige Erotik, die in diesem sehr ähnlichen wie ungleichen Paar mitschwingt, weiter hätte entwickelt werden müssen?

Ja und nein: Es muss diesen Point of no Return geben, ansonsten wäre es wahrscheinlich wirklich ein ganz anderer Film geworden, eine Love Story zum Beispiel. Aber wie soll das in diesem Fall gehen? Lisa erfährt, dass ihr Vater in Gefahr ist, dass ihr Verhalten entweder sein Leben auslöscht oder das eines anderen Menschen und dass auch ihr Leben in Gefahr ist. Wie soll sie da reagieren? Der höfliche junge Mann ist nun ein Monster. Sie muss handeln. Sie muss in ihm ihren Feind sehen, Sorry, aber ich fürchte, da ist wenig Platz für Alternativen.

Dann stelle ich meine Frage noch einmal anders: Die Anfangssequenz in "Red Eye" zeigt mit Lisa und Jackson zwei sehr tiefgründige Menschen, die sich scheinbar zufällig am Flughafen begegnen: Sie sind trotz des Berufsstress, der Flugverspätung und der späten Uhrzeit immer noch ausgeglichen, pragmatisch, hilfsbereit und helfen sogar noch anderen Passagieren, die mit der Situation am Flughafen nicht so zurecht kommen. Die Botschaft der beiden lautet: "Wir sitzen alle im selben Boot.". Für einen Actionthriller beweisen Sie als Regisseur hier sehr viel Geduld und Tiefe, Sie lassen den Zuschauer sehr nahe an die Seele Ihrer Figuren heran: Lohnt es sich da nicht, an dieser Stelle weiter zu machen, als - pardon - all diese Substanz in einem Showdown zu verpulvern?

Nein, sehen Sie, da unterschätzen Sie das Genre des Thrillers: Je tiefer ich die Charaktere zeichne, um so mehr nehmen Sie als Zuschauer doch Anteil an der Geschichte. Die Anteilnahme an einer Person befördert die Spannung. Wie ich an Ihrer Frage sehe, ist mir das gelungen: Es ist gut, wenn ein Zuschauer denkt: "Oh, shit, ich will nicht, dass der oder die gerade stirbt." Aber ich weiß, worauf Sie hinaus wollen: Vielleicht werde ich in Zukunft tatsächlich dieses Beziehungstiefe in andere Genres einbauen, wer weiß - im Moment interessiert mich eher die Promotion von "Red Eye".

Würden Sie gerne mal wieder einen Low Budget-Film drehen, wie zu Anfang Ihrer Filmkarriere?
Hey, gemessen an den üblichen Hollywood-Produktionen wie jüngst "Die Insel" mit weit über 120 Mio. Dollar Produktionskosten ist "Red Eye" ein Low Budget-Film, oder?

Finden Sie es bedenklich, dass Sie als "Meister des Horrors gelten" und in Ihren Filmen stets viele Menschen auf grauenhafte Weise umkommen?
Nun, erstens sind die meisten Arten des Umkommens leider grauenhaft, und zweitens sterben täglich Millionen Menschen auf diesem Planeten, auch ohne Kriege und Katastrophen, ohne dass darüber eine Notiz verloren wird. Der Tod gehört zum Leben, und in meinen Geschichten wie auch in den Geschichten anderer Autoren verwebe ich Elemente des Lebens und Sterbens. Wenn ich moralinsauer auf alles verzichten würde, was gefährlich, anrüchig oder brutal wäre, dann müsste ich Gute Nacht-Geschichten erzählen - und auch die besitzen proportional zur Altersklasse ein dramatisches Element. Darum dreht sich doch das Erzählen: Konflikte, Situationen des Lebens mit Witz oder Horror darzustellen.

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Was bedeutet eigentlich "Red Eye" in Ihrem Filmtitel?
Oh, gut , dass Sie das fragen, denn ich befürchtete schon, dass dieser Begriff in Europa nicht so schnell verstanden wird: Mit "Red Eye" bezeichnet man die Flüge von der West- an die Ostküste der USA, wo sie mit der Nacht losfliegen und in den Morgen hineinfliegen. Also auf jeden Fall eine sehr kurze Nacht haben und kaum schlafen können. Dann, wenn sie aussteigen, beginnt im Osten der Tag, und sie müssen wach bleiben. Daher haben sie sicherlich rote Augen. Somit bezeichnen wir in den USA diese Flüge als "Red Eye-Flights"

Mister Craven, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit "Red Eye".

Das Interview wurde am 29. August im Berliner Hotel Adlon geführt.

 

Zur Person:

Wes Craven wurde als Wesley Earl Craven am 02. August 1939 in Cleveland, Ohio geboren. Er studierte zunächst Literatur, Psychologie, Kreatives Schreiben und Philosophie an der John Hopkins Universität in Baltimore, Maryland, wo er mit einem Masters Degree abschloss. Zum Film kam er, als er nach seinem Studienende als Dozent an der John Hopkins University Sozialwissenschaften lehrte: Hier drehte er mit Studenten einen Amateurfilm. Craven bekam "Appetit auf mehr": Er ging nach New York, wo er eine Schule für Dokumentarfilm besuchte und verdiente seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer.

Bald kam es zu einer einschneidenden Begegnung: Er traf auf Sean S. Cunningham, den Schöpfer von "Freitag, der 13." Aus der Begegnung wuchs eine tiefe Freundschaft und schließlich ein blutig-kreatives Team, welches Cravens Debütwerk "Das letzte Haus links" auf die Beine stellte. Eine neue Form des Horrorfilms schuf Craven im Jahre 1984 mit "Nightmare on Elm Street" und der Figur Freddy Krueger, welche Wes Craven zum Durchbruch verhalf. Freddy Krueger ist so zu einer Kultfigur wie King Kong oder Mike Myers (Halloween) geworden. Dem ersten Teil folgten 6 Fortsetzungen, an denen Craven allerdings nicht als Regisseur, sondern als Drehbuchautor und/oder Produzent teilnahm. Der siebente und letzte Teil mit dem Titel "Freddys new Nightmare" wurde wieder vom Meister selbst entwickelt und die Serie damit erfolgreich beendet.

Charakteristisch für die Freddy-Serie war ihre komische Selbstironie. Dort setzte Wes Craven mit der Trilogie "Scream" mit Neve Campbell in der Hauptrolle wieder an: Craven nimmt sich selbst auf die Schippe, bricht Regeln des Horrorgenres auf und schließt sie gleichsam wieder. Wie "Nightmare on Elm Street" ging auch die "Scream"-Folge als eine der erfolgreichsten Horrorfilm-Produktionen in die Kinogeschichte ein. 1999 endlich wechselte Craven das Genre und verhalf in seinem Filmdrama "Music of the Heart" Hauptdarstellerin Meryl Streep zu einer weiteren Oscar-Nominierung. Back to Horror: Im Jahre 2000 produzierte Wes Craven kurz nach "Scream 3"  eine neue Version von "Dracula", Teil 2 kam 2004 als DVD heraus, und die Teile 3 und 4 sind bereits angekündigt.