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Ahrens & Behrens terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für Kommunikation


Was schätzen Sie an Berlin als Kommunikationsstandort? Was macht für Sie persönlich den ganz besonderen Reiz aus?
Berlin bietet eine virulente, einzigartige und inspirierende Mischung aus Kommunikationshandwerkern, -künstlern und -theoretikern im Umfeld der Hochschulen, die ihresgleichen sucht. Die Kommunikationsszene der Stadt ist immer in Veränderung und Bewegung, nahezu unüberschaubar. Nirgendwo ist es so einfach, Netzwerke aufzubauen. Nirgendwo existiert eine kreativere Grundstimmung und entsprechendes Potential an Machern.
Das hat aber auch seine Schattenseiten: Die Szene ist durch ihre Unübersichtlichkeit ungeheuer anstrengend, vieles verändert sich nahezu täglich, Konkurrenz, quälende Existenzkämpfe im engen Markt und oft auch schiere Unfähigkeit als Element der "Berliner Stadtkultur" ist in der Kommunikationsszene greifbarer als irgendwo anders in Deutschland. Die Qualitätsunterschiede sind zudem evident: Im Wust der Masse ist Klasse manchmal schwer zu finden.
Überwiegend im Osten der Stadt ist jedoch eine junge, hungrige und kreative Kommunikationsszene entstanden, die mit hohem Einsatz unter bescheidenen Bedingungen versucht, eine Form zu finden. Das besondere Pfund, mit dem Berlin wuchern kann, ist der diffuse Mythos, die Wissenschaftsszene und das (bundes-)politische Leben der Stadt: Leute kommen gern nach Berlin zu Kongressen, Ausbildungen und anderen Veranstaltungen. Strukturell nützt das dem Kommunikationsstandort in der bestehenden Form jedoch nur bedingt.

Wo sehen Sie zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten bzw. Entwicklungsbedarf am Standort Berlin?
Das Hauptproblem ist das Fehlen potentieller Kunden in der Stadt und im Umfeld. Das wird sich in den nächsten Jahren auch kaum ändern. Berlin ist auch heute eine Insel, von der aus  man zu Kunden auf dem Festland (hinter Hannover) aufbricht. Es ist auch kaum damit zu rechnen, dass die nahen osteuropäischen Länder einen neuen Markt darstellen. Im Gegenteil: Von dort wird in Zukunft ein neuer Kostendruck und neue Konkurrenz auf den Berliner Raum einwirken. Die wirtschaftlichen Perspektiven sind also sehr bescheiden.
Wenn Berlin eine Chance haben will, muss es die vorhandenen Ressourcen entwickeln, das ist die Wissenschaft, die (Bundes-)Politik, die Ausbildung, das kreative Potential. Das heißt: Wie der Kölner Raum in den 80er Jahren einen Aufschwung als Medienstandort durch eine politische Initiative erfuhr, muss Berlin eine Initiative als Kommunikationsstandort erfahren. Dafür müssen die Ressourcen der Hochschulen, vorhandenen kreativen Potentiale, der wirtschaftlichen und politischen Umfelder fokussiert und in kommunizierbare "politische Bilder" überführt werden. Das schafft zwar keine Wirtschaftsunternehmen als potentielle Kunden, ist aber die einzige Chance, im Konzert der bundesdeutschen Zentren ein einzigartiges "Bild" herzustellen, das wirtschaftliche Potentiale nach sich ziehen kann. Schon Ludwig Erhard wusste: "Die Hälfte der Wirtschaftspolitik ist pure Psychologie". Das gilt sowohl für Berlin als Standort, als auch für die Kommunikationswirtschaft als Schlüsselwirtschaft der Zukunft.

Glauben Sie, dass Berlin die Voraussetzungen für diesen Bedarf bereits erfüllt? Oder was müsste die Stadt von sich aus erbringen, um sich dafür noch attraktiver zu machen?
Auch wenn die enormen strukturellen Probleme auf der Hand liegen: Gerade in seiner nahezu verzweifelten Situation muss Berlin wissen, wohin es sich als > Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort entwickeln will, muss die einzelnen Schritte selbstbewusst benennen und gestalten. Die Kommunikations-Wirtschaft ist eine zentrale Ressource für die Entwicklung der Stadt: Berlin muss als Kommunikations-Standort attraktiver werden für Wissenschaft und Wirtschaft.
Das tut diese Stadt jedoch nicht. Berliner Politik erschöpft sich heute überwiegend in einer politischen Mangelwirtschaft, die das Leben wie Mehltau überzieht. Vereinzelte Initiativen und Projekte im Hochschul- und Ausbildungsbereich sind nicht erkennbar in ein attraktives und kommunizierbares Gesamtkonzept integriert. Die Versuche, mit dem Scheckbuch Unternehmen in die Stadt zu locken, ist für die Entwicklung der Kommunikationsszene nicht von Bedeutung. Was Berlin fehlt, ist ein politischer Gestaltungswille in der Standort-, der Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik, der über die heutige Mangelverwaltung hinausgeht, ein politisches Konzept, das weiter reicht als das weinerliche Einklagen von Ressourcen aus anderen Teilen der Republik und sind durchsetzungsfähige und visionäre Politiker vom Schlage eines Wolfgang Clement als Ministerpräsident von NRW.
Entsprechendes politisches Personal sehe ich gegenwärtig jedoch in Berlin nicht. Die Chance Berlins liegt deshalb nicht in der Politik, sondern in der Fähigkeit zur politischen Selbstorganisation und Entwicklung einer übergreifenden Interessenspolitik der bestehenden Kommunikationswissenschaftlichen und -wirtschaftlichen Ressourcen der Stadt. Wenn dieses nicht geschieht, wird Berlin auch in diesem Bereich in der Bedeutungslosigkeit versinken. Die Konkurrenz ist schließlich nicht national, sondern international. Das wird in der Berliner Nabelschau oft übersehen.

Der Autor:
Thomas Strätling ist Geschäftsführender Gesellschafter von Ahrens & Behrent.framework Kommunikationsforschung und -beratung GmbH; früher war er Pressesprecher des SFB, heute RBB
Kontakt: t.straetling@a-b-framework.de
Information: www.a-b-framework.de (in Kürze)