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Das neue Fachblatt Pressesprecher hat clever gleich nachrecherchiert. In einer neuen kleinen Umfrage, an der sich spontan 220 Unternehmenssprecher beteiligt haben, sagen 58,2 Prozent der Befragten aus, dass sie lieber nach der neuen Rechtschreibung texten. 41,8 Prozent finden die alte Schreibe klasse. Trotz innerer Widerstände bei über der Hälfte der Befragten, verfassen 93,2 Prozent ihre Pressemeldungen dann aber doch nach der neuen Rechtschreibung. 49 Prozent geben an, dass die unein-heitliche Rechtschreibung die momentane Arbeit beeinflusse. Dieser Wert korrespon-diert ziemlich mit der oben erfragten Bevorzugung entweder der alten oder neuen Schreibweise.

Die deutschen Pressesprecher verunsichert? Ich dachte eigentlich, es sei alles klar. Wenn mich in den vergangenen Jahren meine Studenten im PR KOLLEG BERLIN gefragt haben, an was sie sich halten sollen, fiel die Antwort leicht: "Orientiert euch an der dpa. Das ist für uns PR-Leute in Punkto Rechtschreibung das wichtigste Leit-medium." Nachdem nun aber Springer, Spiegel und Süddeutsche der FAZ gefolgt sind, scheint auch dieser Hort der Informationsaufklärung gegenüber einer Rückwärtsrolle nicht mehr abgeneigt zu sein. So äußerte der dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn in der FAZ, die dpa habe die neue Rechtschreibung zwar nach eindeutiger Absprache mit den Kunden und den deutschsprachigen

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übernommen. Andererseits will man nun eine Kundenumfrage machen, um sich in der neuen Rechtschreibsituation ein repräsentatives Meinungsbild zu verschaffen. Dann will man sich mit den anderen deutschsprachigen Nachrichten

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zusammensetzen und gemeinsam über-legen. Oh je, nicht einmal die dpa ist unabhängig? Doch, aber sie schreibt für ihre Kunden, so wie die es möchten. Das ist doch eigentlich ganz o.k.

Eine lockere Haltung übrigens, die sich auch in vielen Schweizer Redaktionen wieder-findet. Während sich die hiesigen Leitmedien bottom-down in kulturtheoretischen Diskursen über den Niedergang der Sprachnation versteigen, richten sich die Schweizer Medien nach den Rezipienten-Wünschen aus. Was der Leser versteht, das wird auch geschrieben. Da klingt doch ein ganz anderes souveränes weil journalistisches Selbst-verständnis mit als bei unseren Chef-Artiklern: "Kulturpolitische Barbarei" (Peter Voß, SWR), "staatlich verordnete Legasthenie" (Mathias Döpfner, Springer), "Verkrüppelter Spätling" ( Thomas Steinfeld, SZ). Die von Eliteverlangen geplagte Selbstauskunfts-freude der Verlagsoberen soll hierzulande umgekehrt den Rezipienten überzeugen und erzieherisch wirken.

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Für uns PR-Leute ist beides blöd: Wir machen es im Prinzip auch so wie die dpa, für die dpa. Wir passen uns je nach Vermögen sprachlich an, versuchen handwerklich zu denken und - wie die Pressesprecher-Umfrage sagt - wandeln sogar auf den Spuren der Grundschüler, wenn nötig. Jetzt ist alles anders. Führende Leitmedien proben den Kulturaufstand, andere wie Frankfurter Rundschau bleiben ihrer Linie treu, und der Rest dazwischen wankt herum. Welche Auswege bleiben?

  1. Suum cuique: Wir fügen unserem Verteiler eine neue Spalte hinzu und spezifizieren die Medien nach alter und neuer Rechtschreibung. Jedes Medium kriegt seine Spezialversion-Pressemitteilung.
  2. Auftragskommunikation: Wir orientieren uns strikt an dem Corporate Style unserer Organisationen. Sind die anderen Publikationen auch in alter Rechtschreibung, schreiben wir "alt", sind die restlichen Publikationen in neuer Rechtschreibung, schreiben wir auch "neu". Damit werden wir unserem Brötchengeber gerecht.
  3. Der intelligente Mix: Wir werfen die Texte in einem kreativen Mix aus alter und neuer Rechtschreibung auf den Markt. Jedes Medium wird vor den Kopf gestoßen und gleichzeitig getröstet.
  4. Alles doppelt: Sie nehmen sich die Satirezeitschrift "Pardon" zum Vorbild - erscheint ab November in zwei verschiedenen Auflagen in alter und neuer Rechtschreibung - und schreiben von nun an alles doppelt.
  5. Zurück zum Gespräch, walk as you talk: Wir schicken nur noch auf Anfrage etwas raus und fragen den Journalisten immer vorher, wie er es denn gerne hätte. Aktive Pressearbeit hingegen findet nur noch im persönlichen Gespräch statt. "Schifffahrtsindustrie" klingt gesprochen immer gleich.
  6. Alles in Englisch: Wir denken ab heute global. In deutscher Sprache geht gar nichts mehr raus, da man sich - egal ob alte oder neue Rechtschreibung - nur lächerlich machen kann.

Wie die eigene Entscheidung auch fällt: man muss es konsequent machen und mit Würde. Angesichts der Abstrusität der gesamtdeutschen Sprachdebatte fällt das vielleicht schwer. Aber wenn es mit der richtigen Haltung geschieht, wird die Ent-scheidung sicherlich jeder verstehen. Erfahrungsgemäß werden die besten Botschaften im persönlichen Gespräch übermittelt. Von daher sollte man die ganze Situation recht entspannt sehen. Das Schielen auf die Abdruckquote kann mal kurz pausieren bis die Debatte sich enthitzt hat.

Stattdessen entsteht ein wunderbarer Dialograum für gemeinsames sachorientiertes Nachdenken. Wenn der Auftraggeber aber weiterhin Druck macht und die Printmedien komisch rumeiern, sollten Sie sich mittelfristig komplett auf TV und Hörfunk konzen-trieren. Dort spielt die neue Rechtschreibung so ziemlich gar keine Rolle. Machen Sie also lieber noch einmal ein kleines Medien- oder Rhetoriktraining, und sparen Sie sich Schreib-Workshops jeder Art bis alles wieder klar ist. Das kann natürlich ein paar Jahre dauern, dessen bin ich mir bewusst. Aber wenn es zu sehr nervt, dann ziehen Sie nach Österreich oder in die Schweiz. Da sprechen die Leute zwar wieder anders. Aber Sie können wenigstens ungestört lesen.