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Ihren gewünschten Artikel finden Sie hier: Afrika terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für KommunikationWeitere Suchwörter: Asyl | Asylpolitik | Flüchtlinge | Flüchtlingspolitik | EU | EU-Aussengrenzen | Greze | Grenzen | Das Boot ist voll | Panorama | Polizei | Zoll | Behörden | Druck | Elend | Not | Hunger | Krieg | Ausbeutung | Verschleppung | Mafia | Menschenhändler | Schtzgeld | Erpressung | Menschenhandel | Tarifa | Sizilien | Ägäis | Mittelmeer | Afrika | Nordafrika | Arabien | Anrainer | Anrainerstaaten | Schengen | SchengenerAbkommen | Michael Schwelien | HendrikHuber | DanielKhafif | Mare | Marebuch | Marebuchverlag | Rezension | Neuerscheinung | Sachbuch | Buchtipp | Bescherung | geschenk | literatur | Sachtext | Afrika terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für Kommunikation
Inhalt: Der marebuchverlag widmet sich mit seinen Büchern vor allem der Schönheit und Vielfältigkeit unserer Meere. Nun hat er keinem schönen, aber sehr wichtigen Thema, einen Platz in seinem Programm gewidmet. In "Das Boot ist voll" führt der ehemalige Zeitredakteur Michael Schwelien uns die Zwickmühle vor Augen, in der sich, wie es im Untertitel heißt, "Europa zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz" befindet. Umgeben von Armut ist Europa der reichste Kontinent der Welt. Seit die Grenzkontrollen zwischen den Unterzeichnern des Schengener Abkommen abgeschafft sind, kann sich, wer die Außengrenze der Europäischen Union zu einem der Schengen-Staaten überwindet, in Europa weitgehend frei bewegen. In überfüllten und oft völlig maroden Booten und Schiffen versuchen deshalb immer mehr Menschen, an einer der offenen Küsten des Kontinents zu landen. Schweliens Buch ist ein bedrückender Bericht, der zeigt, was es heißt, sich an Bord eines dieser Flüchtlingsschiffe zu befinden. Dabei geht der Passage mit bestenfalls dem Komfort eines Viehtransports in vielen Fällen bereits eine monatlange Reise voraus. Manche gehen Hunderte von Kilometern zu Fuß, bevor sie für die Überfahrt ins Ungewisse teuer bezahlen – Frauen und Kinder nicht selten mit sich selbst! Aber auch vor den Problemen der Regionen, in deren Häfen und an deren Stränden die Flüchtlinge anlanden, verschließt Schwelien die Augen nicht. Es ist ein Vorzug des Buches, sich des Schicksals gerade derer anzunehmen, deren Aufenthaltsrecht fast ausnahmslos bestritten wird: Flüchtlinge, die nicht wegen politischer, ethnischer oder religiöser Verfolgung Asyl suchen, sondern die die Aussicht auf einen kläglichen Anteil am Reichtum nach Europa treibt. Ihnen gibt Schwelien ein Gesicht, ein Schicksal. Er macht sie zu Individuen. Er zeichnet ein Bild der politischen Schritte und Züge der EU in diesem "Krieg des dritten Jahrtausends", der fortschreitenden Abschaffung von Binnengrenzen, der eine umso verbissenere Abschottung der Außengrenzen folgte. Und er zeigt das Ringen und die Strapazen derer, die unmittelbar an den Frontlinien dieses Kampfes stehen: Er begleitet den italienischen Grenzschützer General Sbarra im Kampf gegen skrupellose Schlepperbanden auf dem Meer. Er legt anhand der täglichen Arbeit des "Finanzieri" exemplarisch das verzweigte System des internationalen Menschenhandels offen, in dessen Bahnen das Geschäft mit der Ware "Flüchtling" floriert. Zwischen die Mühlsteine von Verbrechen und Verbrechens-bekämpfung geraten immer wieder die Flüchtlinge: ihr Los entscheidet sich allzu oft zwischen Ausbeutung und Abschiebung. Schwelien erzählt auch die Geschichte der deutschen Ordensschwester Lea Ackermann, deren Organisation SOLWODI aufgegriffenen illegalen Prostituierten Rechtsbeistand leistet und versucht, diesen Frauen in ihren Heimatländern eine eigenständige Existenz zu ermöglichen. Ihr Engagement für ein menschenwürdiges Dasein dieser Frauen wirkt aussichtslos und vergeblich gegen die unheilige Allianz von Menschenhändlern, der "Nachfrage" nach Prostitution in den reichen Industrieländern und einer juristischen Praxis, die den Opfer kaum einen Ausweg aus ihrem rechtlosen Zustand bietet. Sie sind es, die auf der tiefsten Stufe moderner Sklaverei zu vegetieren gezwungen sind. Es ist eine beklemmende Spannung, die Schwelien über die Kapitel des Buches hin aufbaut: Sie liegt in dem Widerspruch zwischen dem erzeugten Mitgefühl mit den Flüchtlingen und der betonten Notwendigkeit der Abschottung gegen sie – oder wie er es selbst nennt: zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz. Eigenartiger noch, wie er diese Spannung zu lösen versucht. Der zugleich zurückhaltende und eindringliche Ton seiner Schilderung, durch den er den Leser umso eindringlicher für die Biographien zu sensibilisieren vermag – verkehrt sich schließlich zur Begleitmusik eines schicksalhaften Kampfes zwischen denen, die gegen die Festung anrennen und denen, die sie verteidigen. Es ist, als stünden wir vor einem unentrinnbaren Konflikt, einer tragischen Verstrickung, in der das Scheitern unvermeidlich ist. Vielleicht ist diese Einschätzung der Grund, weshalb sein Appell für ein Überdenken von Leitlinien der Zuwanderungspolitik einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Es ist die eine Sache, dass Schwelien pragmatisch die geregelte Einwanderung als möglichen Ausgleich des demographischen Faktors anführt. Auch wenn er darauf hinweist, dass die Legalisierung von Arbeitsimmigranten dessen Wirkung auf die sozialen Sicherungssysteme abfedern könnte. Eine ganz andere Sache ist es hingegen, wenn er meint, solche – sozialtechnologischen – Maßnahmen würden eine ganz neue Legitimationsgrundlage des moralischen Urteils über Flüchtlingsschicksale begründen können. Schwelien offenbart in seiner Abschlußbetrachtung einen fast schon zynischen Zug, der so gar nicht zur vorhergehenden Dramaturgie seines Buches passen mag. "Dann kann man andere Leute fernhalten – aus einem ganz anderen moralischen Impetus.", gab er lapidar in einem 3 Sat – Interview auf die Frage nach den Vorteilen einer modernen Zuwanderungspolitik zur Antwort. |