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Ihren gewünschten Artikel finden Sie hier: Abitur terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für KommunikationWeitere Suchwörter: Seemann | Fleischerei | Siegen | Berlin | SO36 | Karneval | Cadiz | Teneriffa | Reisende | Drama | Totschlag | Suff | Schweigen | Messer | Kapitän | Bundeswehr | Marine | Handelsmarine | Gitter | Abitur | Musik | Mexico | Abitur terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für KommunikationAndreas Mackenbroisch las gerne Bücher von Reisenden. Schon als Kind. Jack London, Herman Melville, Antoine de St. Exupery, Joseph Conrad, John Steinbeck, Jack Kerouac, Bruce Chatwin und Paul Bowles begleiteten ihn. Bis zum Abiturim "Steiger Konrad" - Gymnasium Hagen-Haspe. Kirmes und Führungen in der Brandt-Zwieback Fabrik interessierten ihn nicht besonders. Das Bergische Land engte ihn ein. Er wollte zur See. Fahren. Vater Georg tobte ständig. Wer sollte das Fleischerei - Fachgeschäft in der Vollbrinkstrasse übernehmen. Vater soff. Abends beim Stammtisch mit den Skat - Brüdern im Iserlohner Eck. Früher verdrosch er Andreas, wenn dieser lieber las, anstatt zu leisten. Als dieser stärker wurde, ging er auf Mutter los. Andreas nahm seinen Mut zusammen und beschützte Mutter.Die ältere Schwester, Susanne, ging bald von zu Hause weg. Nach Berlin. Dort fing sie an, Musik zu machen. Neue Deutsche Welle. Sie traten mit den Fehlfarben auf. Auch aus dem Ruhrgebiet. Sie sangen sich den Frust vom Alltag. Andreas blieb noch. Er wollte Mutter rausholen. Also noch länger zur Schule. Er mühte sich durch das Abitur. Endlich raus. Bundeswehr. U- Boot Marine in Kiel. Endlich Geld, aber nicht genug. Der Dienst war nicht so hart wie befürchtet. Also verlängert. Als Oberleutnant zur See die Dienstzeit beendet.1989 im November. Die Mauer fiel. Andreas ging zur Schwester nach Berlin. Sie war bekannt als rote Suse. Auch wegen der gefärbten Haare. Plattenladen im SO 36. Tourneen mit der Gruppen gingen nicht mehr, vor allem wegen Nova, Suses Tochter. Novas Vater,Georg, war auch Musiker. Er war zu feige zum Spießertum und ließ Suse noch vor der Niederkunft sitzen. Ging dann nach Mexico, Cancun , und wollte nur tauchen, abtauchen. Freunde erzählten Suse irgendwann, dass Georg irgendwann zuviel Stickstoff im Blut hatte und seitdem mit geplatzter Lunge in einem Franziskanerkloster bei Cancun dahinröchelte. Suse ließ das nicht kalt. Aber sie tat so. Jetzt war Andreas da. Er war Onkel. Suses und Andreas Mutter freute sich über ihre Enkelin. Sie kam zur Geburt vor zwei Jahren nach Kreuzberg. Vater soff weiter. Er schimpfte auf die rote Brut im Osten. Alles kaputt gemacht hamse. Er schämte sich seiner Tochter, die er als maoistische Hure beschimpfte. Er sprach am Stammtisch stolz über seinen Sohn, den Marineoffizier, der ihn aber nie besuchte, was er verschwieg. Er wurde gefragt, wer den Fleischerladen übernehmen solle. Er antwortete, die Zeiten ändern sich und bestellte noch einen Hardenberg Meisterbrand. Spätnachts zu Hause. Er prügelte wieder auf Mutter ein. Er stieg zum Karneval in fremde Betten. Er sagte sich, er wolle auch noch was vom Leben haben. Seine Frau ertrug dies alles. Sie freute sich über die Enkelin. Sie schminkte sich. Sie trug Sonnenbrillen. Sie sagte den Nachbarn, dass ihr Zucker manchmal zur Ohnmacht führte. Dann knallte sie schon mal mit dem Kopp gegen die Tischkante. Daher die Flecken. Die Nachbarn nickten. Andreas wollte Boote überführen. Von Berlin zur Ostsee. Von der Ostsee zum Mittelmeer. Ein neuer Markt. Er kannte sich aus. Er wollte Mutter nach Berlin holen. Ihr eine Wohnung suchen. Suse war einverstanden. Sie schimpfte auf ihren Drecksack von Vater. Es war das erste Mal seit der Geburt von Nova, dass sie von ihm sprach. Andreas kam gut an im Grunewalder Yachtclub. Besonders bei den Damen. Ein junger, feiner Offizier. Höflich und belesen. Aus dem Westen, aba keen Drückeberger. Sowas gibt's noch! Man betraute ihm die Überführungen und die Zollformalitäten. Der niedrige Stand störte nicht. Aber er störte Becker, den Präsidenten, der keine jungen Hirsche neben sich ertrug. Beckers Frau schwärmte von dem Jungen. Der Hagen in Becker erwachte. Und Andreas las keine Nibelungen. Er wollte ja immer aus Hagen raus. Abitur terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für KommunikationFebruar 1990: Georg in Hagen wurde Prinz in der Karnevalsgesellschaft. Er zeugte bald einen Sohn mit seiner Prinzessin vom Iserlohner Eck. Mutter wusste schon bald davon. Sie sagte nichts. Sie ertrug alles. Die Nachbarn tuschelten. Sie wusste nichts von den Plänen ihrer Kinder, sie nach Berlin zu holen. Es sollte eine Überraschung sein. Zu gegebener Zeit. Abitur terradigitalis.net | das kritische Online-Magazin für KommunikationSeptember 1990: Die Vorbereitungen zum Einheitsvertrag liefen auf Hochtouren. Im Iserlohner Eck war alles mit Schwarz-Rot-Gold geschmückt. Die Skatbrüder beschlossen, in die neuen Länder zu fahren. Vor allem nach Altenburg, wegen der Kartentradition. Anja war hochschwanger. Der Vaterschaftstest wurde verschoben. Georg legte Widerspruch ein. Anja war verzweifelt. Nur Hauptschule, die Ausbildung im Frisörsalon verloren. Das Gerede der Leute. Sie freute sich auf das Kind, doch es ging nunmal nicht. Sie sprang vom Balkon ihrer Sozialwohnung. Die Fruchtblase platzte. Dummerweise donnerte Anja mit dem Schädel aufs Pflaster. Koma. Suse sandte Fotos von Nova, die nächstes Jahr zur Schule gehen würde. Sie lebte jetzt in dem Haus, was Andreas für Mutter kaufte. Es ging ihr gut. Irgendwann wolle auch sie weg. Wenn Nova erwachsen wäre. Anjas Kind wurde rasch zur Adoption freigegeben. Der Junge wuchs nun bei einem Lehrerehepaar in Konstanz auf. Die Eltern nannten ihn Sebastian. Mutter war zufrieden. Sie freute sich um ihre Kinder. Sie trank den Sherry, den ihr Andreas schickte. Sie blickte durch die vergitterten Fenster der JVA Siegen und roch den Schnee, der draußen fiel. Sie war endlich frei. |