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<h160er Jahre height=157 alt="" src="http://www.terradigitalis.net/images/upload/mag/stroebele.jpg" width=120 border=0>   Guten Tag, Herr Ströbele. Welche Themen aus Politik und Gesellschaft beschäftigen Sie aktuell in diesen Tagen?
Nun, zuallererst eigentlich die Agenda 2010. Da kommt einiges auf uns zu, so wie es derzeit geplant ist. Dann vor allem die Gesundheitsreform, die ich in dieser Form noch nicht in Form sehe, das kann die Regierung den Menschen so nicht zumuten.

Sie scheren also wieder aus der Regierungsvorlage aus?
Na, erst einmal bin ich nicht in der Regierung, auch wenn ich einer Regierungspartei angehöre. Dann möchte ich es nicht ausscheren, sondern eingrätschen nennen. Denn die Richtung einer Reform, die da initiiert werden soll, ist notwendig. Aber sie ist schlichtweg unvollendet, schroff und teilweise unsinnig. Die Studenten protestieren seit Wochen gegen Studiengebühren und Abbau des Lehrangebots, was ich begrüße. Dagegen verharrt der Protest gegen weiteren Sozialabbau weitgehend still.

Vielleicht, weil die, die am härtesten von den Kürzungen betroffen sind, nicht mehr aus dem Krankenbett hochkommen?
…Na, das geht ja schon früher los, da muss nicht einmal ein Krankheitsfall vorliegen, da reicht schon der Alltag Alleinerziehender….

... aber die Gesetze werden von Ihrer Partei mit unterzeichnet.
Ja. Aber in diesem Falle und anderen Fällen nicht von mir. Und ich bin meinen Wählern zuerst verpflichtet, so wie es auch in unserem Grundgesetz verankert ist. Ich habe auch meine Meinung zum Balkaneinsatz der NATO nicht geändert und stehe heute wie damals zu meinen Aussagen, gleich, was da beschlossen wird. Und ich bin froh, dass die Regierung Schröder nicht am Irakkrieg teilgenommen hat - weder militärisch, noch per Scheckbuch. Sehen Sie: Da war ich doch mit der Regierung einer Meinung (lacht).

Sie eckten oft mit Ihrer pazifistischen Haltung an, nun auch bei Ihrer eigenen Partei. Sind Sie Querdenker aus Kalkül oder Passion?
Halt. Ich bin kein Pazifist. Das muss ich immer sagen. Ich schenke Pazifisten meine vollste Hochachtung. Doch persönlich bin ich der Meinung, dass es Situationen gibt, wo man sich wehren muss und dies notfalls auch mit Gewalt. Nur gilt es, soweit wie möglich eine Situation zu vermeiden oder zu entschärfen, in welcher Gewalt gedeihen kann. Manchmal geht das nicht: Beispielsweise habe ich mich in den 80er Jahren dafür eingesetzt, Geld für das Volk von El Salvadors zu sammeln, damit sich die Menschen dort Waffen anschaffen konnten, um sich gegen ein mörderisches Regime zur Wehr zu setzen. Ich hielt das für richtig, was mir ja auch heute noch vorgeworfen wird. Ich sehe also schon, dass die Anwendung von Gewalt in einigen Situationen notwendig ist. Aber dort, wo ich dagegen gestimmt habe, waren Krieg und Gewalt meiner Meinung nach nicht notwendig, nicht gerechtfertigt nicht sinnvoll, ja überflüssig und menschlich völlig daneben. Das sind Gewissensentscheidungen.

Zum Thema Krieg und Frieden: Sie sind als einer der ersten Rekrutenjahrgänge zur Bundeswehr eingezogen worden…
…und da hab ich den Spaß, naja, Spaß war das kaum, auch nicht so lange mitgemacht. Die Beförderung hatte ich abgelehnt. Aber ja, ich habe dort das Schießen gelernt. Feuergewalt ist Macht. Macht ist leicht missbräuchlich. Deswegen meine ich auch zu wissen, warum und wann das Schießen und Blutvergießen möglichst vermieden werden sollte.

Haben Sie noch einige Kindheitserinnerungen an Kriegs- und Nachkriegszeit?
Na, Ich bin zwar 1939 in Halle geboren, habe also noch deutlich die Luftangriffe auf Leuna im Chemiedreieck miterlebt. Da habe ich jetzt keine so traumatischen Erinnerungen. Meine Kriegserlebnisse waren nicht so, dass mich dies zum Pazifisten gemacht hätte. Im Gegenteil, die Luftangriffe waren für uns Jungen eher so wie ein Sylvesterfeuerwerk, mit Blitzen und Krachen. Den Älteren ging es weit schlimmer. Ich würde sagen, die Kindheit hat mich vor dem größten Schrecken bewahrt und ich habe auch niemanden bewusst sterben sehen.

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Gegenüber dem Irakeinsatz nehmen Sie aber eine pazifistische Position ein.
Wenn Sie so wollen, ja. Denn im Irak war das Schießen vermeidbar. Nun sehen wir auch, dass der eigentlich vorgebrachte Grund für die militärische Intervention im Irak kaum noch haltbar ist. Wo sind die horrenden Waffen? Es ging also zunächst um den Sturz Saddams, dann um die Ressourcen des Iraks, nicht um seine potenziellen ABC-Waffen. Regimewechsel? Das hätten die Briten und Amerikaner also auch anders lösen können. Mit weniger Geld und mehr wirtschaftlicher Cleverness. Das irakische Volk hat mit Sicherheit nicht das Mitleid von Präsident Bush erregt. Die Zivilbevölkerung wird zurzeit nicht annähernd ausreichend durch die Besatzungstruppen geschützt und die Bedrohung für die Weltgemeinschaft durch Massenvernichtungswaffen war nicht gegeben. Dieser Krieg war also falsch. Das war bereits vor dem Einsatz absehbar, daher auch mein früher Standpunkt gegen diesen Einsatz!

Der Filmregisseur Gerd Conradt brachte letztes Jahr einen Film über das RAF-Mitglied Holger Meins in die Kinos. Neben einer Zusammenfassung historischer Umstände, die das Keimen einer militanten Gruppierung ermöglichten, sind auch Sie mit einigen Statements im Film zu sehen. Besonders ist die Szene, wo Sie zusammen mit Otto Schily und Rudi Dutschke am Grabe von Meins stehen, der mit Conradt Film an der DFFB studierte. Wie empfanden Sie rückblickend diesen Film und diese Zeit?
Nun, das ist ein großes Paket, das sich da öffnen ließe. Zunächst muss man wissen, dass die damalige Zeit nicht nur in Berlin wahnsinnig stark aufgeladen war: sowohl politisch als auch emotional und gesellschaftlich. Das war anders als heute. Ich will nicht sagen besser. Doch konzentrierter: Es waren nicht nur Dutschke, ich und andere der APO-Zeit der vollkommen überzeugten Auffassung, dass eine Revolution möglich sei, sondern auch weite Teile der Bevölkerung. Dann kam eine Zeit - vor allem nach 1968 - wo die Bewegung erstarrte, wo es nicht mehr weiterging und sich alles in Institutionen und Diskussionen erschöpfte. Das war die Zeit, wo einige zu der Auffassung gelangten, dass eine Änderung des Systems nur noch mit bewaffnetem Kampfe möglich sei. Daraus generierte sich die Bewegung 2. Juni, dann die RAF. Ich war nicht dieser Auffassung. Denn es war absehbar, dass sich die Situation nur verschlimmern würde. Aber, es war in jener Zeit so, dass zumindest ein allgemeines Verständnis in der Linken darüber geherrscht hat, warum sich Teile der Bewegung in den Untergrund abseilten, warum sie gewalttätig wurden. Das fing mit den ersten Molotow-Cocktails gegen staatliche Gebäude an. Die Spirale dreht dann immer weiter. Und es gibt immer welche, die dieser Spirale folgen und einige, die herausgeschleudert werden oder schon vorher verlassen.

Sie sprachen gerade von einer allgemeinen Bewegung auf der Straße, aber auch emotional, also im Denken: Wie weit war die damalige Zeit, der damalige Diskurs von den Medien beeinflusst, gerade im Vergleich mit heute? Schließlich war das Fernsehen Mitte der Sechziger gerade erst in die deutschen Wohnzimmer gestellt worden ...
Sie haben schon Recht, das war zumindest von der Medienvielfalt - technisch wie vom Marktangebot her - kaum zu vergleichen. Auch der Fernseher war keinesfalls selbstverständlich. Sie hatten nur zwei Programme, später drei. Sendeschluss um Mittenacht. Werbung nur vor der Tagesschau. Das bedeutet, dass die verhältnismäßig wenigen Bilder natürlich viel nachhaltiger gewirkt haben. Es gab keine intensive Bilderflut wie heute: Da wurde eine Aufnahme, beispielsweise von einem Luftangriff in Vietnam, ständig wiederholt, bis sie sich Ihnen in das Gedächtnis eingebrannt haben. Dadurch ist natürlich ein kollektives Bewusstsein entstanden, haben die Leute eine gemeinsame Sicht der Dinge besessen. Und dies unabhängig von ihrer Haltung dazu. Das ist heute anders: Sie haben ein bunteres Angebot, neue elektronische Medien, die Art der Informationsbeschaffung variiert viel mehr. Die einen gehen ins Internet, die nächsten lesen Zeitschriften, andere gehen auf Weltreise. Da kommt eine unterschiedliche Informationsdichte zusammen, auch eine unterschiedliche Wahrnehmung von Informationen.

Würden Sie sagen, dass die Informationsflut, unabhängig von ihrem Informationsgehalt, heute eher zu einer Informationsarmut beiträgt?
Das ist interessant, da ist was Wahres dran. Dazu gibt es einen Begriff…

…weißes Rauschen…
... genau. Ich würde nicht soweit gehen und behaupten, die Leute seien heute intelligenter oder weniger intelligent. Nein. Jeder ist für seine Bildung und Weiterentwicklung bei allen Widrigkeiten auch immer ein Stück selbst verantwortlich. Es geht auch gar nicht um die Frage von Schuldzuweisungen "Ja, Ja, die Medien". Es geht vielmehr darum, dass man sich dieser Entwicklung bewusst werden sollte: Es gibt mehr Programm, mehr Technik. Die Kapazität dessen, was ich täglich aufnehmen kann, ist begrenzt. Zumindest, wenn ich das Informationsangebot optimal auswerten möchte. Also muss ich mich dem stellen und wissen, was ich wann und wo auswähle. Es geht immer um das Bewusstsein und bewusst werden.

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Wie betrachten Sie heute Ihre Rolle als Verteidiger für die RAF-Angeklagten?
Wenn Sie die Leute aus der RAF nehmen, da dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin 1975 aus der SPD ausgeschlossen worden, in die ich 1970 eingetreten bin. Was war der vorgeführte Grund? Dass ich meine damaligen Mandanten Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und andere in den Briefen ins Gefängnis, die ich an Sie richtete, mit "Liebe Genossen" anredete. Das wollte die SPD so nicht hinnehmen. Diese Formulierung wurde und wird mir immer noch vorgeworfen: "Mensch, Christian, wie konntest Du denn nur?" Dazu muss ich entgegnen, dass ich mit vielen der Angeklagten schon lange vor der RAF-Epoche begegnet bin. Andreas Baader kannte ich seit Mitte der sechziger Jahre. Später traf man sich auf der Straße, wo man gegen den Vietnam-Krieg demonstrierte. Damals waren wir, die sich während des Kampfes gegen das Establishment zusammenfanden, Genossen. Diese Anrede ist wesentlich älter als die RAF. Ich habe dann überhaupt nicht eingesehen, warum ich meine persönliche Haltung zu den Gefangenen ändern sollte. Das hatte mit deren Taten, die ich nicht für richtig hielt und an denen ich mich auch nicht beteiligte, nichts zu tun.

Rudi Dutschke starb an den Folgen des Attentats. Holger Meins an den Folgen des Hungerstreiks. Grünen-Mitbegründer Gruhl gründete verbittert eine zweite ökologische Partei. Nur Otto Schily und Joschka Fischer stehen in der Bevölkerungsgunst und auf internationalem Parkett relativ gut da. Sind Sie, Herr Ströbele, verglichen mit Ihren alten Weggefährten als einziger stehen geblieben oder angekommen?
Nun, ich kann nicht für die anderen sprechen. Übrigens steht auch Daniel Cohn-Bendit auf internationalem Parkett ganz gut da. Es ist schon komisch, sich hier wieder auf den Fluren im Parlamentsgebäude zu begegnen. Mit Otto ist es etwas distanzierter als früher. Ich weiß nicht, warum er sich so schwer tut. Joschka macht eine gute Arbeit. Da geht es sehr freundlich zu. Insgesamt bin ich meinen Auffassungen stets treu geblieben. Aber das beurteilen andere besser als ich. Vielleicht war es damals einfacher, als heute, sich in die Politik zu bewegen. Schwer zu beurteilen.

Immerhin fahren Sie noch mit dem Fahrrad zur Arbeit.
Das trifft auch auf den Winter zu. Ich fahre immer wenn es irgendwie geht mit dem Fahrrad. Jedenfalls innerhalb der Stadt. Manchmal kombiniere ich das auch mit U- oder S-Bahn.

Da müssen Sie aus Kreuzberg raus…
Nein, ich bin zwar in Kreuzberg Kandidat und jetzt Wahlkreisabgeordneter. Aber ich wohne und lebe in Tiergarten. Gestern bin ich bestimmt 12-15 Kilometer zur Arbeit gefahren. Ich habe aber auch ein Auto - bin ich seit meinem 18. Lebensjahr doch leidenschaftlicher Autofahrer. Ach, ich mag keinen Dogmatismus, sondern Pragmatismus.

Wie viel Post bekommen Sie denn von enttäuschten Grünen-Mitgliedern?
Ich kriege pro Tag zwischen 30 und 50 Zuschriften. Und ich versuche schon, auf die meisten eine Reaktion zu geben. Da sind auch empörte, enttäuschte Grüne, oder Grün-Wähler dabei. Aber deren Enttäuschung oder Wut richtet sich in der Regel nicht gegen mich. Die Mehrzahl versucht nur von mir zu hören, warum ich doch noch in der Partei bin, warum ich noch weiter Politik mache...

In Bezug auf die Grünen, wie schwer haben Sie es heute mit Ihrer Partei?
Meine Position hat sich dramatisch verbessert, seitdem ich direkt gewählt worden bin. Denn ich bin in der Landesliste nicht mehr aufgestellt worden und habe dann direkt kandidiert. Dies verschafft mir eine sehr unabhängige Position in der Partei und  in der Fraktion, weil viele anerkennen, dass ich ja beispielsweise für die Anti-Kriegs-Position gewählt worden bin. Wenn ich dann sage, ich stimme nach wie vor gegen den Einsatz in Afghanistan, dann ist das bei mir anders als bei den anderen Fraktionsmitgliedern, die auch mit Nein stimmen wollen: Bei mir wird das relativ schnell anerkannt, weil ich sage, ich bin meinem Direktwähler gegenüber verantwortlich. Natürlich bin ich auch Teil der Fraktion. Ich unterstütze auch diese Regierung und mache natürlich sehr viele unangenehme Kompromisse. Auch in der ganzen Auseinandersetzung um die Hartz - Gesetze und Agenda 2010 habe ich Kompromisse gemacht, die ich mir nie habe vorstellen können. Aber es gibt Grenzen. Grenzen, wo ich sage: "Nein, das nicht, das sehe ich nicht ein, das ist nicht notwendig und sozial ungerecht."